digitalien.org — Stefan Knecht

Schwergewichte der Positiven Psychologie: das 'Penn Resilience Program' und das 'Strath Haven Positive Psychology Curriculum'

Wenn mit Interventionen der positiven Psychologie höhere Resilienz erreichbar ist und die einfachen Verhaltensänderungen einfach zu vermitteln sind — super!

Dann nichts wie her damit: Kinder und Jugendliche sollten das so schnell als möglich erlernen um so emotional kräftiger und widerstandsfähig zu werden.

Leisten die Programme, was sie versprechen?

Das 'Strath Haven Positive Psychology Curriculum' (SHPPC)

Im ‘Strath Haven Positive Psychology Curriculum’, ein ‘Positive Education Program to Promote Wellbeing in Schools’, das ursprünglich für eine High School in einem Vorort von Philadelphia pilotiert wurde, war das Ziel …

  1. “to help students identify their signature character strengths and”
  2. “to increase students’ use of these strengths in day-to-day life”

Martin Seligman behauptete, dass das Programm “Charakterstärken, Beziehungen und Sinnhaftigkeit aufbaut, positive Emotionen erhöht und negative Emotionen reduziert“.1“builds character strengths, relationships, and meaning, as well as raises positive emotion and reduces negative emotion.”

Kostet ordentlich Geld, nutzt nichts.

Der Pilot kostete fast 3 Millionen Dollar, die in einer kontrolliert randomisierten Studie validiert werden sollte. Die Ergebnisse wurden im ‘Oxford Review of Education’ publiziert. (Seligman et al 2009). In diesem Beitrag allerdings fehlten stichhaltige, nachprüfbare Werte, wie sie mit der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen international üblich sind. Auch die publizierte Auswertung des Department of Education (DoE 2010) kommt zu dem lapidaren Ergebnis “students’ outcomes were not affected”.

Das 'Penn Resilience Program' (PRP)

Das ‘Penn Resilience Program’ (PRP) ist ein weiteres Programm der Positiven Psychologie. Es soll Kindern und Jugendlichen helfen, grundlegende kognitive Verhaltensprinzipien besser zu verstehen, einschließlich der potenziellen Gefahren negativer Selbstgespräche (“Ich habe den Test nicht bestanden; ich bin wirklich nichts wert”) und katastrophaler Gedanken (“Meine Mutter sollte eigentlich schon zu Hause sein; sie muss in einen schrecklichen Unfall verwickelt gewesen sein”). 

Ziel des PRP ist es, gesunden jungen Menschen kognitive Gewohnheiten und Fähigkeiten zu vermitteln, die langfristig Depressionen und Angstzuständen vorbeugen. PRP wird in Gruppen von sechs bis 15 Schülern im Laufe von etwa 20 Stunden durchgeführt. Das PRP hat auch Varianten, die sich an Gruppen von Kindern und Jugendlichen richten, die bereits Warnzeichen für psychische Erkrankungen zeigen, also nicht mehr als ‘normal’ oder unauffällig gelten können

Keine oder nur homöopathische Wirkung

Die Effektivität des PRP wurde danach peer-reviewed und fand statistisch eher schmale Wirkung. Tendenziös formuliert: homöopathischen Effekt. (Brunwasser et al 2009)

Ein weiterer Review fasst hart und herzlich zusammen: “No evidence of PRP in reducing depression or anxiety and improving explanatory style was found (…) The large scale roll-out of PRP cannot be recommended.” (Bastounis et al. 2016)

Das PRP wurde und wird weiterhin und weltweit von tausenden Schulen gekauft und eingesetzt.  (Singal 2021a) Warum, wenn es keine nachweisbare Wirkung gibt?

Das 'Penn Resilience Program' ist ohne Evidenz — gekauft wird trotzdem

Im Jahresbericht 2018 des von Martin Seligman gegründeten Positive Psychology Center (PPC) an der University of Pennsylvania steht etwa, dass ein 2-Jahresvertrag des US-Justizministeriums gewonnen wurde um das PRP für ‘law-enforcement personnel’ zu adaptieren. Polizisten, Sicherheitskräfte. Auch werden Verträge aufgeführt um Gleiches u.a. für die medizinischen Fakultäten der Universitäten Yale und Penn anzubieten. (Seligman and Schulman, 2018).

Der größte Kunde ist das US-Militär

Der grösste Kunde des PPC ist das US-Militär: 15% der Veteranen im aktiven Kriegseinsatz zeigen PTSD-Symptome. Das US-Militär hat damit ein offenes Problem. (Singal 2021a) 2010 gewann das PPC ohne Ausschreibung einen 31-Millionen-Dollar Vertrag für eine adaptierte Version des PRP, um dem PTSD-Syndrom (post traumatic stress disorder) und der häufig einhergehende Selbstmordgefahr von Soldat|innen zu begegnen. 

Untauglich zur Behandlung posttraumatischer Stressstörungen

Doch auch für die Behandlung posttraumatischer Stressstörungen fällt der PRP als Instrument aus — weil er nie für diese Zwecke konstruiert wurde sondern zur kognitiven Stärkung von Schülern und Jugendlichen — und obwohl er ebenda keinerlei nachweisbaren Nutzen bringt.

“Much of PTSD consists of symptoms whose prevention is not addressed by the PRP, or indeed anything else that comes under the umbrella of positive psychology.”

Brüchige Daten, geringe Evidenzen. Egal.

"It’s difficult for someone untrained in a given area to evaluate claims within that area, even if they are otherwise quite competent."

Die kommerziell vermarkteten Instrumente der Positiven Psychologie scheinen untauglich, die zu Grunde liegenden Daten brüchig, die Evidenzen gering bis ausbleibend. 

Es ist der Anschein wissenschaftlicher Fundierung, unter deren Mantel der versprochene Nutzen gerne geglaubt wird.

In den wissenschaftlichen Grundlagen schwächelt die positive Psychologie. Nicht einmal, immer wieder. Untersuchungsergebnisse (zitiert nach Schein 2018) …

  1. beruhen auf Selbstaussagen
  2. sind extrapoliert aus korrelativen statt experimentellen Daten
  3. basieren auf kurzfristigen statt längsschnittlichen Untersuchungen
  4. werden vermarktet weit jenseits der wissenschaftlich vertretbaren Stichhaltigkeit

Es ist aber tatsächlich schwierig in der Sozialforschung.

Wobei: nein — alle anderen psychologischen Richtungen kriegen das ja auch irgendwie hin?

"Wenn du verloren hast, dann gib es zu und gehe erhobenen Hauptes"

Martin Seligman und Mihály Csíkszentmihályi, der zum Phänomen des Flow forschte, argumentierten 2001 und zu Beginn der aufstrebenden Positiven Psychologie noch herzhafter:

"We are, unblushingly, scientists first. The work we seek to support and encourage must be nothing less than replicable, cumulative, and objective" (...) "If empirical research fails to confirm the usefulness of the positions we advance, we hope to have the resilience to admit defeat and bow out with good grace."

Seligman und Csikszentmihalyi 2001 Tweet

Es wäre dann vielleicht so weit?

Quellen

Nicht alle unten stehenden Quellen werden auch in diesem Beitrag referenziert.

Alle Quellen zu den Beiträgen zu Positiver Psychologie sind gebündelt auf Positive Psychologie: Quellen. Nur, falls Fragen aufkommen.

Anthony, Andrew. 2014. "The British amateur who debunked the mathematics of happiness," January 19, 2014.
Bastounis, Anastasios, Patrick Callaghan, Anirban Banerjee, and Maria Michail. 2016. "The effectiveness of the Penn Resiliency Programme (PRP) and its adapted versions in reducing depression and anxiety and improving explanatory style: A systematic review and meta-analysis." Journal of Adolescence 52: 37–48. https://doi.org/10.1016/j.adolescence.2016.07.004.
Brown, Nicholas J. L., and New School of Psychotherapy and Counselling, London, UK. 2014. "A Critical Examination of the U.S. Army's Comprehensive Soldier Fitness Program." https://doi.org/10.15200/winn.143751.17496.
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