digitalien.org — Stefan Knecht

Positive Psychologie: Gründungsgeschichten

Wie jede Bewegung hat auch die Positive Psychologie eine Erzählung zu ihrem Anfang. Martin Seligman bietet dieses Narrativ hochselbst.

Neben persönlichen Motiven stehen noch ein paar eher stille im Raum. Auch da kann man hinsehen. Aber nur, wenn man unbedingt möchte.

Es geht in dieser Mini-Serie nicht um Martin Seligman sondern um das Phänomen Positive Psychologie und was daraus bis heute entstand. Dennoch ist seine Person als Zentralfigur ein Drehpunkt.

Also ein kurzer Ausflug in die roaring 70ies.

Erlernte Hilflosigkeit und Depression

Als experimenteller klinischer Psychologe erforschte Martin Seligman ab den 1970ern erlernte Hilflosigkeit als apathischen Zustand und Folge einer Erfahrung, in der eigenes Handeln keine oder unerwünschte Konsequenzen hat.

In einer Experimentserie konnten Hunde durch das Auslösen eines Schalters oder einer Positionsänderung schmerzhaften elektrischen Stromstößen entweder entgehen oder waren ihnen ausgeliefert.1(Seligman 1972)

Die Versuchstiere, bei denen durch eigene Handlung keine Veränderung des unangenehmen Zustandes eintrat, verfielen in einen apathischen Zustand. Vermenschlicht formuliert: sie gaben auf.

Für diese Erkenntnisse wurde Seligman weltweit bekannt und ging in die Lehrbücher ein.

Weitergeführte Experimente und Übertragungen auf menschliches Verhalten zeigten, wie die Reaktion auf Kontrollverlust situativ wie interindividuell verschieden attribuiert oder bewertet werden.

Pessimistisches Framing wie »Es ist immer so, ich kann nichts machen« interpretieren diese Zustände als permanent und unveränderlich und führen eher zu Depression als eine eher optimistische Erklärung wie »… na, blöd gelaufen. Nächstes Mal mache ich das besser.«.2(Peterson und Seligman 1984) Die darauf formulierte Theorie der erlernten Hilflosigkeit beschreibt, dass klinische Depressionen und psychische Erkrankungen auf die tatsächliche oder wahrgenommene  subjektive Kontrolle über das Ergebnis einer Situation zurückzuführen sein könnten.3(Seligman 1992)

2016 wurde die Theorie mit resoluten Ergebnissen aus der Attributionsforschung korrigiert: Passivität als Reaktion auf einen Schock sei nicht erlernt, sondern die standardmäßige, ungelernte Reaktion auf längere aversive Ereignisse.4(Maier und Seligman 2018)

Warum nicht auch Optimismus erlernen?

Aus dem Tierexperiment auf erlerntes menschliches Verhalten übertragen, schloss Seligman, sollte auch Optimismus erlernt werden können.5(Seligman, 1991) »Bist du glücklich?« hielt Seligman noch 1988 für eine dumme Frage und ein Leben ohne Leiden für den Inbegriff von Erfolg.6(Seligman 2018, zitiert nach Majumdar et al 2019)  

Eine 180°-Wende sollte sich abzeichnen: nicht nur Optimismus sondern subjektives Wohlbefinden, gar Glück sei erlernbar.

Autobiografisch erinnert sich Seligman an den Beginn seiner Karriere:

Hunderte von Psychologieprofessoren verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Lehre der 'wissenschaftlichen' Methode und der Statistik, also mit den Fallstricken der internen Validität — aber niemand damit, externe Validität zu lehren.

Seligman 2018 S. 79, zitiert nach Majumdar et al 2019 Tweet

Zu lehren und nebenbei gutes Geld zu verdienen steht sich nicht im Weg.

Ein Erweckungserlebnis: »Don't be a grumpy man, dad.«

Nach Seligmans Erinnerung war es seine damals 5-jährige Tochter Nikki, die ihn beim gemeinsamen Jäten des Gartens einen finsteren, ungeduldigen und kritischen Griesgram nannte7zitiert nach (Gibbon 2020), offenbar die Konsequenz der jahrzehntelangen Beschäftigung mit unerquicklichen Themen. 

Positive psychology called to me just as the burning bush called to Moses.

Martin Seligman, zitiert nach Gibbons 2020 Tweet

Was, wenn man anstelle Hilflosigkeit und Depressionen, statt Schwächen lieber Glück und Stärken erforscht und diese systematisch fördert?

1996 liess Seligman sich für eine dreijährige Amtszeit zum Vorsitzenden der mächtigen American Psychological Association (APA) wählen — mit dem besten Ergebnis jemals, wie seine Fakultätswebsite erwähnt. Positive Psychologie wurde damit zum Programm der APA unter Seligmans Vorsitz.

Finanzierung: seltsames Geld

Geld verdienen mit ‘externer Validität’ war nicht vergessen. Raus aus den Laboren, hinein ins Leben!

Zu Beginn scheint die Finanzierung mysteriös und bestens funktioniert zu haben. 

Ein anonym bleibender ‘PT’ erbittet von Seligman Ende 1997 einen one-pager und ein grobes Budget, zwei Wochen später erscheint ein Scheck über 120.000 U$, einen Monat und einen Besuch bei zwei anonym bleibenden Anwälten in New York später ein weiterer über 1,5 Mio U$. “Positive psychology began to flourish with this funding” schreibt Seligman in Flourish (2011, 13)

Es liess sich bestens an: Seligman finanzierte den Start des von ihm  an der Universität von Pennsylvania bei New York gegründeten Penn Positive Psychology Center u.a. mit Geld der amerikanischen Templeton Foundation, einer wertkonservativen Organisation. Eines derer nicht auffällig propagierten Ziele war und ist es, Religion mit Wissenschaft gleichzustellen

Weitere Mittel kamen von der Atlantic Philanthropies, die bis 2016 eher liberale Vorhaben unterstützte und von Gallup, dessen CEO Don Clifton zuvor ebenso Psychologe und APA fellow war.

Die Positive Psychologie erfinden

Im Januar 1998 und nachdem die Anschubfinanzierung bereits vorlag, verbrachte Seligman eine Woche mit seiner Frau Mandy, Mihaly und Isabella Csíkszentmihályi sowie Ray und Sandy Fowler. Ray Fowler hatte sich auf die Messung und Analyse von Persönlichkeitseigenschaften spezialisiert, war 1988 bereits APA Präsident und bis 2003 deren CEO. Sandra Fowlers Feld war die interkulturelle Psychologie. Csíkszentmihályi erforschte und beschrieb den hochkonzentrierten und intrinsisch motivierten Zustand des Flow. Es sassen also Profis zusammen, im Wissenschaftsbetrieb sozialisiert und mit allen Mechanismen bestens vertraut. Ziel der gemeinsamen Woche war: die Positive Psychologie ‘erfinden’ und einen konkreten Plan entwerfen, erinnert Seligman.8(Seligman 2018, zitiert nach Majumdar et al 2019, S. 264) 

Der Plan, das Coming out und ein Manifest

Ein gemeinsamer Beitrag mit Mihaly Csíkszentmihályi im American Psychologist gilt als das coming-out und Manifest der Positiven Psychologie:

Psychology is not just a branch of medicine concerned with illness or health; it is much larger. It is about work, education, insight, love, growth, and play. (...) Fight pessimism, remember the good, count your blessings, focus on strengths

Seligman und Csíkszentmihályi 2000 Tweet

Die Positive Psychologie zielte auf praktische Anwendungen, auf reale Kontexte und  greifbare Verbesserungen in Therapie, Prävention, Bildung, Karriere, Gesundheit und möglichst vielen Lebensbereichen. Es sollte Anwendung mit externer Validität, mit ‘konkretem Nutzen in der Welt’ gefunden werden. Keine fiese, brotlose Grundlagenforschung mehr, keine Hunde quälen.

Csíkszentmihályi war sich wohl bewusst, dass mit einer rasanten Popularisierung die empirische Fundierung schwer hinterherkäme:

Viele gute Ideen, die zu schnell und wahllos umgesetzt werden, brechen mangels solider Grundlagen in sich zusammen.

Csíkszentmihályi 2014, xxii Tweet

Csíkszentmihályi befürchtete also, dass Forschungsergebnisse, wie in anderen Wissenschaften üblich, ruhig ein wenig garen und reifen, von anderen Forschungsgruppen kritisch begutachtet werden sollten — bevor sie dem Mainstream als Einsicht und Wahrheit mitgeteilt würden. 

Seligman sah das ein wenig laxer und … geschäftstüchtiger:

It is much better to be criticized than to be ignored.

Das folgende Zitat aus Csíkszentmihályis Gesamtausgabe formuliert schärfer. Es ging ihm um die gute Sache. Kommerzielle Selbsthilfe-Gurus sollten nicht befeuert werden. Seligman zielte unverhohlen auf Reichweite: so lange darüber gesprochen wird, verstärkt die externe Validität sich von alleine. 

Mit Kritik wird man schon irgendwann, irgendwie zu Rande kommen.

Viele enthusiastische und idealistische junge Männer und Frauen (...) wandten vorläufige Forschungsergebnisse voreilig als Allheilmittel für die Übel des Daseins an. Mit den besten Absichten bedrohten diese 'Life Coaches' die Zukunft der Positiven Psychologie, indem sie Erwartungen schürten, unbeabsichtigt Ansprüche aufblähten und so die intellektuelle Perspektive (...) in Misskredit brachten.

Csikszentmihalyi 2014, xxiii Tweet

Beide Zitate der Gründer der Positiven Psychologie zeigen wenigstens eines — aus zwei Perspektiven: die mühsamen Mechanismen wissenschaftlicher Evidenz sind ebenso bekannt wie die Mechanismen der Popularisierung. Seligman sollte sich durchsetzen. Marketing und Reichweite sind lukrativer als knochige Wissenschaft mit kleinteiligen Fragen zu Methoden und Statistik oder Evidenzkontrollen.

Wohin das führen kann, zeigen weitere Beiträge in dieser kleinen Serie.

Es bleibt spannend, bleiben Sie dran.

Quellen

Die beiden Fotos von Seligman sind aus den 70er und 80er Jahren und stammen von dessen Fakultätswebsite.

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