Wardley Maps: selbst strategisch denken

Simon Wardley hat eine einfache Methode entwickelt um eine solideren Sicht möglicher Zukünfte zu erreichen.

Beispiel für die Notation einer Wardley Map: Marktplatz, Ökosystem — oder beides?

Die Ergebnisse sind allerdings nicht ganz so einfach konsumierbar wie die so beliebten wie flachen SWAT-Diagramme aus dem Beraterköfferchen. Es geht weniger um einfache Wahrheiten denn um dynamische Wechselbeziehungen vieler Variablen in einer unbekannten Zukunft. Damit verwundert auch nicht, dass Wardley Maps nicht als ‘the next big thing in consulting’ ventiliert werden. Man muss Zeit investieren und sich auseinandersetzen mit der Denkform, Codes und Konstrukte verstanden, nachvollzogen und selbst geübt haben — bevor man selbst in der Lage ist, ein eigenes Mapping zu bauen. Wie genau das geht ist kein Geheimnis. Wardley schreibt seit 2016 öffentlich darüber und jedermensch kann die etwas spröde Methode nehmen und ohne weiteres verwenden. Oder einen Kurs belegen.

Wardley beschreibt das Vorgehen als …

(…) visuelle Methode zur Erkundung, Verständnis und Kommunikation von Strategien unter ständiger Veränderung.
Wie sieht das Wettbewerbsumfeld aus?
Worauf sollte man sich konzentrieren? (und weshalb darauf und nicht auf etwas anderes?)
Was sollte man in diesem Kontext besitzen und steuern können, was kauft man besser zu?
Welche Methoden sind sinnvoll, welche Organisation?
Wo stehen Wettbewerber?
Welche Marktveränderungen kann man antizipieren?
Welche Aktionen sind möglich?

Wardley Maps bieten auch eine Notation für veränderliche Wertschöpfung: was könnte sich wie und wohin entwickeln? Welche Randbedingungen (die heute sicher und ewig gültig erscheinen) könnten sich morgen in welche Richtung ändern?

Wohin könnte sich welche Art der Wertschöpfung entwickeln?

Anders als bei scharfen Zielbildern (‘genau da will ich hin’), findet Simon Wardley eine einfache Darstellung um sich verändernde Wertschöpfungsketten in wahrscheinliche Zukünfte abzubilden.

Was könnte die Zukunft bringen? Quelle: Charting the future

Der Schlüssel ist, alle bremsenden, riskanten und unscharfen Einflüsse mitsamt ihrer Annahmen abzubilden, Glaubenssätze und Vermutungen offen zu legen und sie rückhaltlos in einer Expertengruppe zu debattieren. Das gelingt, indem auf einer Wardley Map der veränderliche Pfad von Produktlebenszyklen, Geschäftsmodellen, Branchen, Industrien mit zunehmend vielen Wenns und Abers modelliert wird. Aus einer groben Karte wird mit mehr Informationen, Randbedingungen und Wechselwirkungen ein Modell. Legt man mehrere davon nebeneinander, kann man Muster und Regelhaftigkeiten erahnen — oder grandios daneben liegen.

Viele Produkte und Geschäftsmodelle starten mit einer Erfindung, Entdeckung oder der kostbaren und Handarbeit eines Meisters. Das ist nur so lange ein Wettbewerbsvorteil, bis Imitationen besser und günstiger werden, Qualitätsansprüche sinken und ‘good enough’ reicht. Wenn mehr Menschen dieses Etwas haben wollen, wird einfach mehr hergestellt, mit Maschinen oder mehr Händen. Mit Geschirr ist das so. Wir speisen von Industrieporzellan und töpfern Tassen und Teller nicht mehr selbst. Wir wüssten nicht einmal, wie das geht. Viele Innovationen münden mit ihrer Industrialisierung in einer Allerwelts-commodity. Wo das erste Mobiltelefon mit Fotofunktion noch teure Sensation war, ist der Grenznutzen praktisch ausgeschöpft: mit Bauformen und Formfaktoren ist nicht viel mehr heraus zu holen aus den Optiken. Was bei den ersten Geräten ein differenzierendes und kostentreibendes Feature war, hat heute jeder Grundschüler in der Schultasche. Mehr Speicher? Die Cloud und Rechenkapazität um Centbeträge sind eine commodity, Soda-Beträge (von: so-wie-so-da) wie Luft, Strom und Wasser.

Wie alle Karten sind auch die im Wardley Mapping entstehenden Darstellungen Abstraktionen einer Realität. Das kennen wir von 1:40000 Wanderkarten, die als Vereinfachung der Natur nicht jeden Steinbrocken zeigen können. Eine Karte im 25-fach größeren Maßstab 1:1 Mio muss noch drastischer abstrahieren weil mit noch größerem Abstand zum Boden viel weniger Details relevant und erkennbar sind als beim Wandern: je nach use case sind andere Details relevant. Wer sich erfolgreich verlaufen hat, kennt das: eine Karte ist nur nützlich, wenn man die eigene Position und Perspektive kennt. Uns hilft dabei GPS.

Wo bin ich — und wo soll es hingehen?

Bildschirm eines der ersten kommerziellen KfZ-Navigationssysteme

Für das Wardley Mapping ist das schon die erste Einstiegshürde: wo stehe ich, mein Produkt, meine Idee, ‘die Branche’? Was ist die gerade noch akzeptable Unschärfe? Wie sehr kann ich in meiner Verortung daneben liegen, so dass die Karte noch einen Weg weisen kann? In Analogie kartografischer Karten mit Wardley Maps: so wie die Übersichtskarte in 1:1 Mio nützlich ist für die ersten 250 km, wird es die Wanderkarte für den Sichtbereich. In der Nahorientierung helfen nur mehr die eigenen Sinne. Das ‘hier und jetzt’ sperrt sich einer Kartierung, für die Vergangenheit ist es einfach und für mögliche Zukünfte … schwierig.

Weil alles eine Vergangenheit und Zukunft hat, bewegen sich alle Komponenten auf Wardley Maps von links nach rechts. Jede Aktion (was wir tun) in der Art, wie wir es tun und jedes mental model, das den sinnhaften Zusammenhang abbildet. Zum Einstieg reicht es zu wissen, dass Bewegung und Weiterentwicklung von der Manufaktur zum Allerweltsdienst über Wettbewerb geschieht. Wiederkehrendes Element ist, die eigenen Annahmen offen zu legen und darauf unangenehm zu fragen »Ist das wirklich so?«. Das ist schwer genug. Funktionieren kann das nur in einer Gruppe, in der sich die Erfahrungen überlappen, in einem Unternehmen oder wenigstens einer vertrauensvollen peer-group. Das kann man nicht outsourcen an Berater oder Experten. Weil wir selbst die Experten sind für das, was wir tun ist erklärt, weshalb einschlägige Berater nicht im Handumdrehen zu Wardley-Jüngern werden: man muss sein Geschäft verstehen, nicht das eines anderen. Wardley Mapping ist damit eine Praktik unter Fachexperten, ein gruppendynamischer Vorgang, die wiederkehrenden Fragen nach den eigenen Annahmen sind Gesprächsanlässe für kollektive Detaillierung.

Und wenn man es nicht weiß: »Hic sunt Dracones«, hier wird es unübersichtlich, gefährlich!

Ausschnitt aus dem Hunt–Lenox Globe (ca. 1510), der die gerne zitierte Zeile »Hier sind Drachen« erstmals belegt.

Der Ausschnitt stammt von einer der ersten Karten oder Globen aus dem sechzehnten Jahrhundert. Auf dem Hunt–Lenox Globe (ca. 1510) hat der Kupferstecher am Rande des aus europäischer Perspektive gerade noch bekannten Erdenrunds neben Seeungeheuern dieses »Hier sind Drachen« vermerkt. Wenn man schon nicht wusste, was genau da war, gefährlich sollte es schon erscheinen.

Die Zukunft? Kein Spaß.


Nachtrag: soo schwierig ist es nun auch wieder nicht, sich eine Strategie zu häkeln:

gnagna

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