Auf einer Konferenz für Startups irgendwann 2016 wurde erstmals ein Schaubild1 gezeigt, das tausendfach recycled wurde:

The Digital Disruption has already happened1
- World’s largest taxi company owns no taxis (Uber)
- Largest accomodation provider owns no real estate (AirbnB)
- Largest phone companies own no telco infrastructure (Skype, WeChat)
- World’s most valuable retailer has no inventory (Alibaba)
- Most popular media owner creates no content (Facebook)
- Fastest growing banks have no actual money (Society One)
- World’s largest movie house owns no cinemas (Netflix)
- Largest software vendors don’t write apps (Apple, Google)
Sandy Carter ist nun alles andere als neutral. Im job als ‘Liason-Manager’ geht es darum, aus bestehenden Kunden lukrativere Kunden zu machen. Da gehört es zur Ansprache, ein wenig Unsicherheit zu streuen um als guter Verkäufer die Unsicherheit gleich darauf mit einem sicherheitsstiftenden Angebot zu dämpfen. Es ist auch völlig egal, ob auf diesem slide die Wahrheit getreulich abgebildet ist wenn die Metapher wirkt: die category leader besitzen nichts von dem, wofür sie stehen: Die am schnellsten wachsenden Banken haben kein Geld, der grösste Filmanbieter besitzt keine Kinos. Disruption ist, wenn geschieht, womit niemand ernsthaft rechnete. Wenn Gewohntes unerwartet geschüttelt wird, dass nichts bleibt, wie es angenehm war: verlässlich, zukunftssicher, ein ruhiger Fluß. Enzyklopädien, Lexika, Kartografie: Disruption geschah, als Wikipedia und ‘das Netz’ gedruckten Enzyklopädien das Licht ausbliesen. Das Kindler Literaturlexikon, der Brockhaus, der Duden — alle weggefegt in wenigen Jahren, einem historischen Wimpernschlag. Kartografie in der Darreichungsform gedruckter Karten? Dahin. Google Maps übernahm als klar wurde, dass das mobile Internet mächtiger wird als das Stationäre. Open Streetmap gewinnt.
Ein hübsches Beispiel ist der Niedergang der Videotheken. Wer jünger ist als … fünfundzwanzig? kann nicht mehr wissen, wie aufwändig es war, sich einen Film zu leihen. Als die boomer schon erwachsen waren, in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es aufwärts von Kleinstädten, in jedem urbanen Viertel mindestens einen Videoverleiher. Zu Hause hatten die Menschen einen VHS-Videorekorder und ein SCART-Kabel breit wie ein Schweizermesser zu ihrem Röhren-Fernseher schwer wie ein Dieselaggregat. Mobiltelefone waren ein Statussymbol, Smartphones waren noch nicht erfunden. Wollte am Wochenende jemand Film kucken, dann musste einer zur Videothek und aus thematisch sortierten Regalen eine sozialverträgliche Auswahl treffen. Selbstständig und ohne live-Dialog. Ganz alleine entscheiden. Dann die speckige Hülle aus dem Regal ziehen und an der Kasse warten, bis eine Aushilfskraft die Kassette aus dem Lager geholt hatte. »Kundenkarte?« — (kram) »… nicht dabei«. Die Rückgabe hatte binnen 24 Stunden zu geschehen, sonst schmälerten empfindliche Verlängerungsgebühren das Medienbudget. (Vielleicht waren die Verzugsgebühren auch der größte Umsatzbringer, wer weiss das heute schon noch.)

Innenraum einer Videothek, um die Jahrtausendwende (Symbolbild: sie waren alle gleich grausig)
Blockbuster, einer der damals™ auch international grössten Betreiber, machte 2009 noch einen Jahresumsatz von 4,1 Mrd Dollar und ging im Herbst 2010 in die Insolvenz2. Von 4,1 Mrd Umsatz in 52 Wochen in die Pleite?3 Wie kann das sein? Hat niemand die nahenden Einschläge hören wollen? Hat die Disruption sich nicht ordentlich angemeldet, Netflix zu wenig Werbung gemacht? Dazu muss man wissen, dass Netflix vor dem heutigen all-online-geschäft physisch DVDs per Post verschickte. Das hatte prima geklappt weil es nicht flächendeckend Bandbreite gab. Die Washington Post hat eine interaktive Grafik dazu.4 Man kann dort sein Geburtsdatum einstellen und sieht die Verläufe zum eigenen Alter: “Wie wurden Videos konsumiert?”.

Eine zweite Grafik ebenda zeigt, welche Art Internetverbindung und Bandbreite US-Amerikaner über die Jahre hatten:

So disruptiv war also die Ablösung physischer Verleihstation durch streaming nicht. Wer wollte, konnte sich das ausrechnen.
Blöd an der heimtückischen Disruption ist: sie meldet sich nicht an, ist plötzlich da und … schwuppdiwupp … ist die Komfortzone weggeschrumpft und der Schmerz schlagartig da. Schaut man sich genauer an, was bislang und scheinbar überraschend weg-disruptiert wurde, dann ist klar: es gibt nichts Singuläres an Disruptionen, es geschieht ständig . Die Frage nur: was noch ändert sich so brutal, dass es unsere Lebenswirklichkeit wahrnehmbar dreht? Ein paar heisse Kandidaten: Filialbanken. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen lebendigen Bankangestellten gesehen habe. Weshalb auch? SIM-Karten. Bargeld. Apotheken. Kinos.
Radio? Bitte nicht wegdisruptieren.
Ich weiss es doch auch nicht.
»Vielleicht wird alles noch viel Vielleichtiger.«
* * *
- Sandy Carter war damals “IBM Liason Manager” und hat gar eine persönliche Wikipedia-Seite. ↩︎
- Schamberg, Jörg. US-Videotheken-Kette Blockbuster ist pleite. Zugegriffen 25.12.2017. URL ↩︎
- Wobei das nicht ganz korrekt ist: in Alaska gab es im Frühjahr 2017 noch 10 Filialen. Wegen exorbitant teurer DSL-Leitungen — Schmidt, S. (2017, April 26). Blockbuster has survived in the most curious of places — Alaska – The Washington Post. Abgerufen 2.1.2018, URL ↩︎
- Fischer-Baum, R. (26.11.2017). What ‘tech world’ did you grow up in? Abgerufen 2.1.2018, URL ↩︎
