Was meinen wir mit unscharfen Wahrscheinlichkeitsbegriffen?
Wenn man es nicht so genau sagen kann oder weiss, dann bietet Sprache geschmeidige Ausweich- und Vermeidungsmöglichkeiten. Welche Spannweite diese Geschmeidigkeit hat, kann man messen. Das funktioniert grob so, dass Personen zu Aussagen wie »ein Hochwasser dieses Ausmasses ist höchst unwahrscheinlich« oder »ziemlich sicher gewinnt Merz die Wahl« Zahlen als subjektive Wahrscheinlichkeiten angeben. In den 1960ern gab es ein Vorläuferexperiment, bei dem die verbalen Beschreibungen von Eintrittswahrscheinlichkeiten an einer kleinen Stichprobe validiert wurden.1 Es handelte sich damals um NATO-Offiziere und deren Einschätzung zum Eintritt von Ereignissen im Kalten Krieg. Die CIA war interessiert am Ausgang. Begriffe wie likely, probable, probably, better than even, we doubt, unlikely usw. sollten also mit interpretationsfreien Zahlen bezeichnet werden.
Dieses Experiment hat Wade Fagen-Ulmschneider wiederholt, mit einer eher kleinen, dennoch größten bekannten Stichprobe (n = 123) von Wahrscheinlichkeitsbegriffen und für den amerikanischen Sprachraum.2

Ergebnisse: die Entsprechungen zwischen verbaler und numerischer Wahrscheinlichkeitsbezeichnung haben sich seit den 1960er-Jahren nicht wesentlich verschoben. Die Probanden bevorzugen Zahlen mit Einerstellen von 0 oder 5 und höchst selten ‘krumme’ Zahlen. Unklar bzw. nicht experimentell fundiert bleibt, ob und wie stark sich die Ergebnisse zwischen Sprachen und mit weiteren Kontextfaktoren unterscheiden.
»Ich glaube« entspricht in Zahlen 65–85%. Ungefähr. Da ist genug Luft für geschmeidige Interpretationen, wenn es denn sein muss.
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- Kent, S.; 1964. Words of Estimative Probability. PDF ↩︎
- Fagen-Ulmschneider, Wade. „Perception of Probability Words“. Zugegriffen am 5.11.2022. URL. ↩︎
