SAFe: wacklige Belege

LeSS oder SAFe versprechen die Skalierung der im Kleinen funktionierenden agilen Methoden und Praktiken auf größere Vorhaben oder ganze Unternehmen. Als zeitsparende und methodisch effektive frameworks werden sie wie Bauanleitungen für Transformationen zu mehr Kundennähe und schnellerer Lieferung vermarktet. So wird SAFe 6.1 mit einem ebenso eindrucksvollen wie aggressiven Nutzenversprechen angeboten:

Das sensationelle Nutzenversprechen, der USP von SAFe v6.1

Wird SAFe wie vorgesehen1 eingeführt …

  • geschähen Markteinführungen um 30–75% schneller,
  • seien 25–75% Qualitätssteigerungen erwartbar,
  • sind Produktivitätssteigerungen von 20–50% möglich und
  • Mitarbeiter engagieren sich 10–50% mehr

Die Mächtigkeit dieser als Nutzenversprechen avisierten Verbesserungen ist also mehr als verblüffend: Change Manager wie Projektleiter·innen, die sich professionell mit zähen Verhaltensanpassungen von Menschen in Unternehmen plagen, wären mit einstelligen Verbesserungen schon mehr als zufrieden: geschieht nachhaltige Veränderung doch beobachtbar überwiegend im Kriechgang. Was Scaled Agile Inc., das venture capital-finanzierte US-Unternehmen hinter SAFe, verspricht, sind hingegen atemberaubende Aussichten: jeden Prozessoptimierer, jede Controllerin muss es da instantan vom Drehstuhl reissen! So beeindruckend diese Zahlen klingen, so fragwürdig ist leider ihre Herkunft und Qualität. Die Daten stammen aus etwa fünfzig sogenannten self-assessments2, Selbsteinschätzungen von Unternehmen, die SAFe einsetzen. Keine Randomisierung, kein Kontrollversuch, keine Vergleichsgruppe — ob man vielleicht die Rohdaten genauer betrachten könne …? Fehlanzeige. Wer etwas nachdrücklicher recherchiert, erfährt nach angemessener Wartezeit: Mehr Belege gibt es nicht. Die Werte seien aus customer stories abgeleitet, heisst es auf Anfrage bei Scaled Agile Inc. Mehr als achtzig Erfolgsgeschichten sind zusammengetragen.2 Zieht man Doubletten ab und Unternehmen, die es trotz mit oder wegen SAFe nicht mehr gibt, dann bleiben mindestens fünfzig Erfolgsgeschichten Rohdaten sind nicht verfügbar. Die sagenhaften Erfolgszahlen von SAFe beruhen also auf Interviews, deren Methodik freundlich als ‘informell’ beschrieben werden kann. Die ‘Daten’, die die Wirksamkeit und das Nutzenversprechen von SAFe belegen, wurden nie unabhängig geprüft. Das hindert SAI Inc. nicht daran, seine Behauptungen als quasi-empirische Wahrheiten zu vermarkten. Das Problem? Interessenkonflikte. Scaled Agile Inc. kontrolliert sowohl das Framework wie die Erfolgsmessung. Das ist ein Problem: ohne belastbare Daten bleibt SAFe ein breitbeiniges Versprechen einer beneidenswert effektiven Marketingmaschine aus Boulder, Colorado, USA.

Ohne Offenheit bleiben Fakten im Dunkeln, und Entscheidungen beruhen auf spekulativen Annahmen und fehlenden Daten. — Auszug aus den SAFe core values3

Diese schmerzhaft fehlende Transparenz hätte sich um ein Haar einstellen können. Auf dem SAFe-Summit Berlin Mitte April 2024 erbot sich mit Marc Rix einer der szeneprominenten methodologists und fellows der der Scaled Agile Inc. die Bereitstellung und unabhängige Prüfung der Rohdaten aus den customer stories zu klären. Ebenso freundlich wie sensationell zog sich die offenbar intensive Klärung bis in den Vorstand der SAI Inc. über Monate. Währenddessen stand für den eher mühsamen Teil der unabhängigen Validierung und Evidenzprüfung Prof. Dr. Tobias Nickel mit Studierenden der TH Deggendorf School of Management bereit. Die gemeinsame Hoffnung war, Korrelation/en zwischen dem Einsatz von SAFe und den vier Nutzendimensionen zu entdecken, vielleicht gar causation — dass also SAFe die Ursache für Verbesserungen ist?

Korrelation und Verursachung sind nicht ganz augenfällig.

Ein Dreivierteljahr später Ernüchterung: es gibt keine Daten. Die customer stories sind alles, was es zur Validieren des versprochenen Nutzens von SAFe gibt. Für eine methodisch saubere Evaluierung ist diese Prosa nicht verwendbar. Zur Entstehung der ‘Daten’ kann. man nur spekulieren. Sitzt da ein·e SAI-Mitarbeiter·in einem Unternehmensmenschen gegenüber, in einem Zoom-Meeting und geht einen strukturierten Fragenkatalog durch? Werden auch neutrale und eher widrige Aussagen der Kunden protokolliert? Finden diese Interviews tatsächlich statt …? Wir wissen es nicht, SAI Inc mag nicht mehr verlautbaren.

Die Plausibilität der behaupteten Verbesserungen liegt auf einem Niveau, das selbst ausgebuffte Werbeagenturen beschämen sollte. SAFe verkauft Hoffnung auf Transformation zäher Gewohnheiten, geliefert wird Storytelling und ein wenig magischer Glauben an ritualisierte Gruppendynamik. Das ist geschickt doch leider weder evident noch strafbar. Für rational agierende Unternehmen, die mit Zahlen und Fakten statt mit Glauben und Hoffnung überleben, bleibt der tatsächliche Nutzen so vage wie die Methodik, die ihn belegen soll.

* * *


  1. ‘vorgesehen’ bedeutet: alle Schritte und Vorgaben des Einführungs- und Umsetzungsprogramms werden im Unternehmen, das sich mittels SAFe transformieren will um business agility zu steigern ebenso deterministisch durchlaufen, wie die vorgesehene Anzahl SAFe-Expert·innen trainiert und (kostenpflichtig) regelmässig zertifiziert und eine akkreditierte Beratungsfirma zur Begleitung beauftragt wird. Also all-you-can-eat wenn man so will. Und ja: wie kann der Nutzen auch gehoben werden, wenn nicht EXAKT ALLES GENAU SO gemacht wird, wie das Framework es vorsieht? (Das war Ironie.) ↩︎
  2. siehe https://scaledagile.com/insights-customer-stories/ ↩︎
  3. Im Original lautet das Zitat: “Without openness, facts are obscure, and decision-making is based on speculative assumptions and a lack of data. No one can fix a secret.”
    SAFe baut auf den agilen Werten, Prinzipien und Methoden auf. Diese Werte sind, holprig ins Deutsche übersetzt: “gemeinsame Ausrichtung, eingebaute Qualität, Transparenz, Programmausführung und Lean-Agile-Mentalität” ↩︎