Schmerzhafte Erkenntnis für sanft esoterisch beflügelte Veränderungsagenten: Spiral Dynamics ist recht frei erfunden und ohne jegliche Evidenz.
Dieser Beitrag bedient sich ruchlos verkürzend am Original ‘Spiral Dynamics: A foolish alternative theory about human evolution’ von Patrick Vermeren.1
Der US-Psychologe Clare Graves hatte Ende der 1960er wild über die neue Zukunft der Menscheit spekuliert und ‘8 Ebenen der menschlichen Existenz’ herbeifabuliert. Der moralisch-ethische Niedergang sei ‘die Folge des Festhaltens an den falschen existenziellen Werten in Zeiten tiefgreifender Änderung’. Würde man die achte Ebene erreichen, dann würden Vorurteil, Aberglaube, religiöse Regeln und die Angst vor dem Sterben verschwinden, wir würden zu einer liebenden Gemeinschaft und unsere Organisationen wären selbstorganisiert. Die gesamte Menschheit als Spezies wäre dann auf einer neuen Ebene (teal).
Hui! Das ist schon keine Theorie mehr sondern ein ausgebautes Glaubenssystem mit Glöckchen und Räucherkerzen. Vermeren wollte es genau wissen und zerlegte Graves ‘Theorie’. Das theoretisch-empirische Raster dazu entwickelte er selbst um gute, schlechte und Pseudotheorien unterscheidbar zu machen.2Gute Theorien sind demnach stimmig, schlüssig und in sich logisch. Auf den 12 Stufen von -6 bis +6 liegen auf einer -6 (‘it sucks’) Theorien, die im Widerspruch zu Physik, Chemie und Biologie stehen oder sich mit Aussagen wie ‘heutige wissenschaftliche Methoden sind nicht ausreichend’ gegen Kritik wie Begutachtung immunisieren. Theorien dieser Art gibt es nun nicht wenige, die Homöopathie etwa folgt erfolgreich diesem Pfad. Eine +5 steht für viele konvergente Ergebnisse aus verschiedenen Disziplinen, eine +6 zeichnet Theorien aus, bei denen Fachexperten Einigkeit haben, etwa die Evolutionstheorie oder die Plattentektonik.
Frederic Laloux’s book ‘Reinventing Organizations’3 is entirely based on the Integral Theory and the theories of Clare Graves. He also claims we really have three brains. — Patrick Vermeren
Süss wie Globuli behauptet Laloux dort3 neben einer Batterie weiterer herbeifabulierter Aussagen, die Menschheit sei auf dem Wege zu ’evolutionary-teal, der höchsten Ebene menschlichen Bewusstseins’, was Abraham Maslows Ebene des self-actualizing, der Selbstverwirklichung entspräche. Vermeren bemerkt, dass Laloux neben den fehlenden Fakten entging dass Maslow sich von seiner eigenen Hypothese längst distanziert hatte. Hoppala.
What about the evidence for Spiral Dynamics? Well, Graves’ research database is nowhere to be found, and according to Cowan, Graves threw away a large part of his research data by accident upon cleaning out his … barn. — Patrick Vermeren
Barn ist auf Deutsch die Scheune. Das ist dann ärgerlich: da recherchierst Du etwas, baust eine Theorie darauf und dann gehen die Daten beim Kärchern verloren. Da weiss man nun auch nicht so genau, ob es die Daten jemals gab. Prüfen kann man nun nicht mehr. Laloux kann also auch in die Altpapierkiste.
* * *
Vermeren, Patrick. „Spiral Dynamics: A foolish alternative theory about human evolution“. Wirtschaftspsychologie heute (Blog), 2.7.2020. URL↩︎
Vermeren, Patrick. A Skeptic’s HR Dictionary: The Good, the Bad, and the Partially True: The Ultimate (Self-Defense) Guide for CEOs, HR Professionals, I/O Students and Employees. 1st edition. Londerzeel, Belgium: A4SK consulting bvba (BV), 2019. ↩︎
Laloux, Frédéric. Reinventing Organizations: A Guide to Creating Organizations Inspired by the next Stage of Human Consciousness. 1. ed. Brussels: Nelson Parker, 2014. auf S. 37 die Behauptung (eine der vielen haltlosen Behauptungen) ↩︎
Die Positive Psychologie betreibt Professuren, vergibt Abschlüsse und spezialisiert in Fachrichtungen. Tatsächlich ist die Faktenlage uneinheitlich:
“Praktisch jedes Ergebnis der Positiven Psychologie (…) bleibt umstritten, sowohl von Insidern als auch von Außenstehenden. (…) Wichtige Schlussfolgerungen wurden in Frage gestellt, verändert oder sogar aufgegeben.”10
Wie kann das sein? Stärken stärken statt Defizite beheben1·2·3·4 ist jederzeit sympathischer als Krankheit und Leid. Wer ist schon gerne krank? Mit einfachen Mitteln sollen wir fast mühelos glücklicher werden statt weniger krank. Funktionieren die Interventionen der positiven Psychologie? Und wie lange hält die Wirkung über das momentane sich-besser-fühlen hinaus an?
Tatsächlich hat die Positive Psychologie nach 20jährigem Bemühen und über 64.000 Forschungsstudien zur Frage, was das Leben lebenswert macht, nicht viel mehr als lückenhafte, mehrdeutige, wenig aussagekräftige und sogar widersprüchliche Ergebnisse vorzuweisen. — Edgar Cabanas
Folgt man skeptischen Hinweisen5·6·7·8·9·10, so öffnet sich ein weites Feld loser Annahmen, vager Interpretationen und lockerer Methodik. Hält die Positive Psychologie, was sie verspricht?
Hoffnung verlernen
Der Psychologe Martin Seligman ist die Gallionsfigur der Positiven Psychologie seit ihrer Erfindung in den 1970er Jahren. Als experimenteller klinischer Psychologe erforscht Seligman Phänomene der erlernten Hilflosigkeit. Das ist die Folge einer Erfahrung, in der eigenes Handeln keine oder unerwünschte Konsequenzen hat. In einem Experiment konnten Hunde durch das Auslösen eines Schalters oder einer Positionsänderung schmerzhaften elektrischen Stromstößen in einem Experimentierkäfig entweder entgehen oder waren ihnen ausgeliefert. Konnten die Tiere ihren unangenehmen Zustand durch eigenes Handeln nicht verändern, wurden sie apathisch. Vermenschlicht formuliert: sie gaben die Hoffnung auf weil es immer schmerzte, egal ob sie etwas taten oder nicht. Weitergeführte Experimente und Übertragungen auf menschliches Verhalten zeigten, wie die Reaktion auf Kontrollverlust situativ wie interindividuell verschieden bewertet werden. Pessimistisches Framing wie »… es ist immer so, ich kann nichts machen« interpretieren diese Zustände als unveränderlich und führen eher zu Depression als eine optimistische Erklärung wie »… na, blöd gelaufen. Nächstes Mal mache ich das besser«. Seligman formulierte eine weithin anerkannte Theorie der erlernten Hilflosigkeit und vermutet, dass klinische Depressionen und psychische Erkrankungen auf die tatsächliche oder wahrgenommene subjektive Kontrolle über das Ergebnis einer Situation zurückzuführen sein könnten. Mehr als vierzig Jahre lang ist Seligmans Interpretation herrschende Lehrmeinung bis sie 2016 mit experimentellen Ergebnissen aus der Attributionsforschung korrigiert wurde: Passivität als Reaktion auf einen Schock ist tatsächlich die angeborene Reaktion auf längere aversive Ereignisse.
»Sei kein Grantler, Papa.«
Nach Seligmans Erinnerung war es seine damals fünfjährige Tochter Nikki, die ihn beim gemeinsamen Jäten des Gartens einen finsteren und ungeduldigen Griesgram nannte6, vielleicht eine Folge der freudlosen Beschäftigung mit in Experimentierkäfigen leidenden Tieren.
Positive psychology called to me just as the burning bush called to Moses. — Martin Seligman6
Was, wenn man anstelle Hilflosigkeit und Depressionen, statt Schwächen lieber Glück und Stärken erforscht und diese systematisch fördert? Wenn Hoffnung verlernt werden kann, dann sollte Optimismus doch erlernt werden können? Vielleicht ist sogar Glück trainierbar? Wie nützlich wäre das der Menschheit statt sich mit unangenehmen Experimenten, mühseliger Statistik und Methodik abzumühen! Raus aus den Laboren, hinein ins Leben! Forschung zum gesellschaftlichen Wohle einsetzen, berühmt werden und Geld verdienen. Seligman startete seine Karriere neu und liess sich 1996 für eine dreijährige Amtszeit zum Vorsitzenden der mächtigen American Psychological Association (APA) wählen — mit dem besten Ergebnis jemals, wie seine Fakultätswebsite erwähnt. Unter seinem Vorsitz wurde die zeitgleich frisch erfundene Positive Psychologie damit zum Programm der APA.
Finanzierung: seltsames Geld
Zu Beginn scheint die Finanzierung eines völlig neuen Forschungsfeldes zwar mysteriös aber bestens funktioniert zu haben. Ein anonym bleibender ‘PT’ erbittet von Seligman Ende 1997 eine Zusammenfassung seiner Vorhaben und ein grobes Budget. Zwei Wochen später erscheint ein Scheck über 120.000 U$, einen Monat und nach einem persönlichen Besuch bei zwei anonym bleibenden Anwälten in New York später ein weiterer über 1,5 Mio U$. “Positive psychology began to flourish with this funding” erinnert Seligman in Flourish.12
Es liess sich bestens an: Seligman finanzierte den Start des von ihm an der Universität von Pennsylvania bei New York gegründeten Penn Positive Psychology Center u.a. mit Geld der amerikanischen Templeton Foundation, einer höchst konservativen Organisation. Eines derer Stiftungsziele war und ist die Gleichstellung von Religion und Wissenschaft. Noch mehr Geld kam von der Stiftung Atlantic Philanthropies, die bis 2016 eher liberale Vorhaben unterstützte und vom Marktforschungsunternehmen Gallup. Dessen CEO Don Clifton war zuvor ebenso Psychologe und Mitglied der APA.
Die Positive Psychologie erfinden
Im Januar 1998 und mit vorhandener Anschubfinanzierung des mysteriösen Großspenders ‘PT’, verbrachte Seligman eine Woche mit seiner Frau Mandy, Mihaly und Isabella Csíkszentmihályi sowie Ray und Sandy Fowler. Ray Fowler hatte sich auf die Messung und Analyse von Persönlichkeitseigenschaften spezialisiert, war 1988 APA Präsident und bis 2003 deren CEO. Sandra Fowlers Feld war die interkulturelle Psychologie. Mihaly Csíkszentmihályi erforschte und beschrieb den hochkonzentrierten und intrinsisch motivierten Zustand des Flow. Es sassen also Profis zusammen, im Wissenschaftsbetrieb sozialisiert und mit allen Mechanismen bestens vertraut. Ziel der gemeinsamen Woche war: die Positive Psychologie ‘erfinden’ und einen konkreten Plan entwerfen, erinnert Seligman.11
Ein gemeinsamer Beitrag mit Mihaly Csíkszentmihályi in der reichweitenstarken und renommierten Zeitschrift ‘American Psychologist’ gilt als Manifest der Positiven Psychologie: Das Gute sehen und Stärken fördern — Schluß mit defizitären Perspektiven!
Psychology is not just a branch of medicine concerned with illness or health; it is much larger. It is about work, education, insight, love, growth, and play. (…) Fight pessimism, remember the good, count your blessings, focus on strengths — Seligman und Csíkszentmihályi , 200113
Der frisch erfundenen Positiven Psychologie ging es um praktische Anwendungen und greifbare Verbesserungen in Therapie, Prävention, Bildung, Karriere, Gesundheit und möglichst vielen Lebensbereichen. Anstelle dröger Laborversuche sollte ‘konkreter Nutzen in der Welt’ gefunden werden — externe Validität statt brotloser Grundlagenforschung und Hunde quälen. Csíkszentmihályi war sich wohl bewusst, dass mit einer rasanten Popularisierung die empirische Fundierung schwerlich hinterherkäme:
Viele gute Ideen, die zu schnell und wahllos umgesetzt werden, brechen mangels solider Grundlagen in sich zusammen. — Csíkszentmihályi 2014, 14
Er befürchtete, dass das sinnvolle Reifen und Prüfen von Ergebnissen und Interpretationen, die kritische peer review und Replikation von Experimenten zu kurz komme und mindere Qualität entstehe. Der geschäftstüchtige, des Laborbetriebs überdrüssige Seligman sah vor allem die Möglichkeiten.
It is much better to be criticized than to be ignored. — Seligman 2018 15 S. 276
Für einen Verkäufer ist Reichweite ein Qualitätsmerkmal. Für einen Wissenschaftler eher irritierend, auch weil der Kritikerchor Seligman signalisierte, auf eine medial interessante Sache gestossen zu sein:
… and the fact that critics are legion tells me that positive psychology is genuinely popular.
Es geht und ging Seligman also um Popularität, das Gemocht-werden, um Anerkennung. Csíkszentmihályis war ‘die gute und richtige Sache’ wichtiger. Er wollte keinesfalls kommerzielle Selbsthilfe-Gurus befeuern sondern ordentliche Wissenschaft betreiben. Seligman zielte auf Reichweite: so lange über Positive Psychologie öffentlich gesprochen wird, verstärkt sich die wahrgenommene externe Validität und das Geschäft läuft von alleine. Mit Kritik würde man schon irgendwann, irgendwie zu Rande kommen. Csikszentmihalyi wollte behutsamer vorgehen:
Viele enthusiastische und idealistische junge Männer und Frauen (…) nutzen vorläufige Forschungsergebnisse voreilig als Allheilmittel für die Übel des Daseins an. Mit den besten Absichten bedrohten diese life coaches die Zukunft der Positiven Psychologie, indem sie Erwartungen schürten, unbeabsichtigt Ansprüche aufblähten und so die intellektuelle Perspektive (…) in Misskredit brachten. — Csikszentmihalyi 2014, im Vorwort seiner Gesamtausgabe14
Die widersprüchlichen Zitate der beiden Gründer der Positiven Psychologie zeigen: die mühsamen Mechanismen wissenschaftlicher Evidenz sind ebenso bekannt wie die Mechaniken der Vermarktung. Seligman sollte sich durchsetzen. Marketing und Reichweite erschienen lukrativer als knochige Wissenschaft mit kleinteiligen Fragen zu Methoden, Statistik oder Evidenzkontrollen durch langatmige peer reviews.
Ein Problem konstruieren und Lösung anbieten
Die Positive Psychologie wurde ‘erfunden’ und ökonomisch geplant — sie hat sich mitnichten ergeben. Was im Konzept noch fehlte, war ein anspruchsvolles Problem, das nur mit Positiver Psychologie gelöst werden könne. Also identifizierte Seligman eine ‘Charakterkrise’ in den USA indem pauschalierende Schlagworte zu einem durchaus plausiblen Spannungsbogen gestapelt werden:
… der Hedonismus der 1960er Jahre, der Narzissmus der 1970er Jahre, der Materialismus der 1980er Jahre und die Apathie der 1990er Jahre. — Seligman 1999:165
Seligman zitiert ein reaktionär-rückschrittliches, auf Dysfunktionalität fixiertes Establishment. Die Konzentration der Mainstream-Psychologie auf negative Emotionen und Krankheit beschränke und verzerre die Theoriebildung zu einem pessimistischen Menschenbild: Krankes wird behandelt, das Gesundsein nicht hinreichend gefördert.
Furthermore, psychology’s negative focus has contributed to a culture of blame and victimology which may breed anger and violence and contribute to a pessimistic view of human nature. — Seligman 1999:165
War die Situation vor der Jahrtausendwende in den USA tatsächlich so krisenhaft? Wirtschaftlich gesehen und für konventionelle Psychologen, Psychiater und Therapeuten entstand durch Antidepressiva und managed care tatsächlich ein Nachfrageproblem. Während in den 60er Jahren in den USA Depression bei 50 von 1 Million Patienten diagnostiziert wurde, stieg die Diagnoserate in den 1990ern auf 100.000 pro 1 Million. Stimmungsaufhellende Medikamente wie Prozac wurden zur gesellschaftlichen Normalität und nach 10 Minuten Diagnose von jedem Hausarzt verordnet. Sozial akzeptiert und verschrieben wurden diese Psychopharmaka massenweise weil jeder Arzt seinen Patienten helfen möchte. Die angeblich stimmungsaufhellenden Medikamente wurden lange Zeit so häufig verordnet, dass Prozac noch 2005 im britischen Trinkwasser nachgewiesen werden konnte. Im Trinkwasser, nicht im Abwasser. Für das kostenoptimierte Gesundheitswesen und die auf Erlös getrimmten Versicherungsgesellschaften waren schnelle Pillen allemal günstiger als traditionelle, zeitaufwändige Psychotherapie. So stagnierte die stetig nachwachsende Patientenschaft für konventionelle Therapieformen.10 Dass diese Medikamente ein Suchtpotenzial mit sich bringen, war schon früher klar, doch das scheinbar geringere Übel.
Die Positive Psychologie konnte also das therapeutische Konjunkturproblem als life coaching lukrativ und mit breiteren Zielgruppen lösen helfen: nicht mehr nur die verstummten, depressiv Kranken, auch den Gesunden könne man mit positiven Interventionen ein noch besseres Leben ermöglichen. Ein gesünderes Gegenmodell zum Mainstream: statt zum Filterkaffe morgens für die gute Laune eine blaue Pille und zum Runterkommen abends eine gelbe lieber positive Verhaltensänderungen. Dass Antidepressiva nicht viel besser wirken als ein Placebo wurde erst um 2005 evident. Die Antidepressiva Paxil und Citalopram wirken nicht besser als Placebos.16
»In 2006 — in a review that was much larger and more far-reaching than the recent one undertaken into Prozac — the US Food and Drug Administration reviewed all antidepressant trials, with data from 100,000 patients. The FDA reported that while five out of 10 people appeared to respond to the pills, four out of 10 responded to the placebo.«
Das Ergebnis wurde 2018 in einer großen Metastudie bestätigt: außer bei schwersten Depressionen bieten Antidepressiva keinen klinischen Vorteil17
Placebo bedeutet: das Glaubenssystem aktivieren. Unser Glaube an eine Wirkung hat mächtigen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Im zweiten Weltkrieg arbeitete eine Krankenschwester unter schwerem Beschuss. Als Morphium zur Neige ging, versicherte sie einem verwundeten Soldaten, er würde eine Spritze mit einem starken Schmerzmittel erhalten, obwohl die Spritze nur Salzwasser enthielt. Erstaunlicherweise linderte das die Schmerzen des Soldaten und verhinderte einen lebensgefährlichen Schock.16 Die eigene Wahrnehmung und Bewertung von Situationen zu ändern, scheint zuverlässig auch die Physiologie zu beeinflussen.
Eine Lösung zu haben, dann das Problem zu definieren funktionierte offenbar bestens: generiere eine Charakterkrise und zeige den Ausweg. Schon läuft das Geschäft! Originell und originär war diese Salutogenese, die Herstellung von Gesundheit, als Gegensatz zur angekreideten Pathogenese schon um die 2000er-Jahre längst nicht mehr. Abraham Maslow, bekannt als Erfinder der missverstandenen ‘Bedürfnispyramide’ hatte Gleiches schon 1947 formuliert und 1954 in humanistischer Tradition jedoch ohne den Beleg experimentelle Daten niedergeschrieben. Auch erfand Maslow den Begriff einer positiven Psychologie und nicht der geschäftstüchtigere Martin Seligman. Die empirische Fundierung, die Herleitung und Einkleidung in Wissenschaftlichkeit war die Differenzierung, der USP (unique selling proposition) der Positiven Psychologie: mit wissenschaftlichen Methoden glücklicher werden. Was kann da schief gehen?
Einiges kann da schief gehen. Wenn Experimente keine zweckdienlichen Daten ergeben, wenn es keine Evidenz gibt für die Behauptungen — dann zieht man zurück.
We are, unblushingly, scientists first. The work we seek to support and encourage must be nothing less than replicable, cumulative, and objective (…) If empirical research fails to confirm the usefulness of the positions we advance, we hope to have the resilience to admit defeat and bow out with good grace.
Nicht so Seligman und seine steil wachsende Anhängerschaft. Wenn es beginnt zu laufen, mehr Gas geben!
Ab 2000 und über drei Jahre sammelte eine weltweite Gruppe, was in der Menschheitsgeschichte über Glück und Glücklicherwerden bekannt war. Auf den Schultern von Riesen stehen18 war die Idee. Texte von Konfuzius und Sokrates, Whitman, Freud, Maslow, zeitgenössische Einsichten aus den Sozialwissenschaften bis zu Graffiti und Grußkarten. Ein Panoptikum aller Elemente und Werkzeuge des Glücks.6 2004 wurde ‘Character Strengths and Virtues’ (CSV) – Charakterstärken und -tugenden19 — auf mehr als 800 Seiten ein best-of von allem, was zum Glück bekannt ist. Die Gliederung geschieht in sechs Kerntugenden (virtues) Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Transzendenz. Daraus abgeleitet werden 24 Stärken (strengths), u.a. Tapferkeit, Bescheidenheit, Ausdauer, Vitalität, Neugier, soziale Intelligenz, Spiritualität, Selbstkontrolle, Führungsqualität und, nach offenbar intensiver Debatte der Redaktionsgruppe, auch Humor.
Teil des Buches ist ein Selbsttest als Online-Fragebogen ‘Values in Action (VIA)’, heute ‘VIA Inventory of Strengths (VIA-IS)’. Mit 240 Fragen werden individuelle Stärken gemessen und auf einer 5-stufigen Skala angeordnet. Die Ergebnisse sollen helfen, bessere Selbstkenntnis und persönliche Entwicklungsperspektiven zu geben. Je höher der Wert, um so mächtiger die individuelle Stärke. Nach der Sicht der Positiven Psychologie gilt es diese Stärken zu stärken statt Schwächen zu kompensieren. Das VIAS ist angelegt als konkrete Rezeptsammlung zum Glücklicherwerden, als Kochbuch zur Salutogenese, als Gegenmodell zur Katalogisierung von Schwächen und Krankheiten in DSM und IDC. Mehr als 11 Millionen Menschen haben VIA-IS durchlaufen. Kostenlos kann man das auf einem von der Uni Zürich betriebenen Portal und gleich Dutzende weitere Selbsttests absolvieren. Zur Auswahl stehen neben vielen weiteren der Satisfaction-With-Life-Fragebogen (SWL) für die subjektive Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, der Wellbeing Index (IWI) mit nationalen Gegebenheiten oder der Orientations-to-Happiness-Fragebogen (OTH) zu Lebensstilen.
Methodische Kritik an VIA gab und gibt es in hinreichender Menge und Tiefe. Uneinheitliche Faktorenanalysen zur Trennschärfe und Kritik zur Testkonstruktion, -validität und fehlende kulturellen Übertragbarkeit werden angeführt. Die (Charakter-)Stärken seien überlappend oder unscharf mit den Tugenden korreliert, Faktorenanalysen liefen auf weniger als die sechs postulierten Tugenden hinaus usw. usf. Es gibt erstaunlich wenig nachlaufende Forschung bzw. Forschungsergebnisse zu den Grundlage der (VIA-) Klassifizierung, etwa zur Frage, ob alle Charakterstärken tatsächlich moralisch wertvoll sind oder ob selektive Charakterstärken auch komplett unausgeprägt sein können. Verändern sich subjektive Stärken im Lebenslauf? VIA-IS gibt eine Test-Retest Korrelation nach vier Monaten mit größer als 70% an. Das heisst: macht Mensch den gleichen Test nach vier Monaten erneut, dann haben 70% das gleiche Ergebnis. In der Testkonstruktion gelten Werte ab 70% als akzeptabel, ab 80% als gut. Hier kann jede·r den VIA-IS selbst ausprobieren — und am Besten mehrfach im Abstand von ein paar Monaten. Den ersten Durchlauf bedienen Sie aufrichtig und antworten wie Sie es als richtig empfinden. Bei weiteren Durchläufen versuchen Sie, Ihre Antworten so zu wählen, dass ein idealisiertes Selbstbild entsteht, also so, wie Sie gerne wären.
Kommt der Test zu unterschiedlichen Ergebnissen?
Woraus ‘Happiness’ sich zusammensetzt (angeblich)
In einem häufig zitierten Artikel argumentieren Sonja Lyubomirsky und Co-Autoren, dass 50 Prozent der Varianz menschlichen Glücks auf die subjektive Genetik zurückzuführen sind (set point), 10 Prozent auf die Umstände und 40 Prozent auf Faktoren, die der Einzelne selbst kontrollieren kann, also auf selbst getroffene Entscheidungen.20
Im Handumdrehen wurde ein plakativer Kuchen daraus, der die Zusammensetzung von Glück erstmals restlos klärte:
So einfach funktioniert “Glück”? Verblüffend trivial!
Dieser Mut machende ‘happiness pie’ verbreitete sich viral und elektrisierte ‘Life Coaches’ wie einschlägige Medien. Lyubomirsky wurde zum Happiness-Promi und durch Talkshows und Konferenzen gereicht.
Eine Glücksformel! Endlich!
Mit Lyubomirskys Papier argumentierte Seligman umgehend, dass ganz normale Menschen signifikant glücklicher werden könnten weil man nun ja wisse, wie Glück sich zusammensetze! Tatsächlich ist die von Seligmann konstruierte Glücksformel eine simple Summandenkette, eher ein Formelchen:
H = S + C + V
H = Happiness
S = set point als genetische Ausstattung, mit der man geboren wird
C = Circumstances, Lebensumstände
V = subjektive Entscheidungen, individuelle Kontrolle, volitional activities
Mit den sonnigen Prognosen setzten sich erst 2020 ein Beitrag in einem peer-reviewed Journal etwas kritischer auseinander. Dieser fand erst einmal erhebliche statistische Probleme. nur 5% Varianz der ‘chronical happiness’ kann aktiv, subjektiv beeinflusst werden?
Among others, ’there is only very limited evidence to place the figure for the heritability of well-being as low as (precisely) 50%. Consequently, there is little reason to believe that 40% is a reliable estimate of the variance in chronic happiness attributable to intentional activity — for example, if Lyubomirsky et al. had chosen a different (but, in our view, at least equally plausible) set of estimates, they might just as easily have concluded that as little as [5 percent] of variance in chronic happiness can be attributed to volitional activities.21
Hoppsa: nur 5% der Varianz des ‘bleibenden Glücks’ können auf freiwillige Aktivitäten zurückgeführt werden. Gemeint sind hier die Interventionen und Selbst-Übungen aus dem Repertoire der Positiven Psychologie, die täglichen Hausaufgaben. 5% wirksamer Einfluss ist nun eher übersichtlich wenig — aber immerhin ein Befund. Da hätte es keinen Kuchen gebraucht, ein Glückskeks hätte gereicht. Ein sehr kleiner.
Die ‘critical positivity ratio’ als kleiner Schmetterling
Die Seligman Inc. versuchte immer wieder, aus den dünn belegten Postulaten der Positiven Psychologie kommerzialisierbare Angebote zu entwickeln. Nach allen zugänglichen empirischen Daten sind die beiden grössten Angebote der Positiven Psychologie, das ‘Penn Resilience Program’ (PRP) und das ‘Strath Haven Positive Psychology Curriculum’ bestenfalls unwirksam. Vielleicht sind wenigstens die kleinen Interventionen tauglich und führen zu mehr Glück, Happiness oder wenigstens subjective well-being?
Die Broaden-and-Build-Theorie von Barbara Fredrickson hingegen ist in der Psychologie gut empirisch belegt und anerkannt. Sie besagt, dass positive Emotionen wie Freude, Interesse oder Dankbarkeit den Denk- und Handlungsspielraum erweitern und dadurch langfristig persönliche Ressourcen wie Resilienz, soziale Bindungen und psychisches Wohlbefinden aufbauen. Ein breites Denk- und Handlungsrepertoire wiederum stärkt die Widerstandsfähigkeit gegen künftige emotionale Rückschläge.22·23·24·25 Die Häufigkeiten und Intensitäten positiver/negativer Emotionen sollten also einen Unterschied zum subjektiven Glück machen.
(…) a universal-invariant ratio between positive to negative emotions that serves as a unique tipping point between flourishing and languishing in individuals, marriages, organizations, and other human systems across all cultures and times.26
Die ‘critical positivity ratio’ behauptet also, es gäbe ein … »universelles, kulturunabhängiges und unveränderliches Verhältnis zwischen positiven und negativen Emotionen und einen Wendepunkt zwischen dem Gedeihen oder Erlahmen von Individuen, Ehen, Organisationen und anderen menschlichen Systemen (…)«, also ein universell geltendes ‘Gesetz’ und damit einen Durchbruch der Glücksforschung der Positiven Psychologie.
Our discovery of the critical 2.9 positivity ratio may represent a breakthrough. 26
Um einen Durchbruch zu melden muss man sich schon sehr sicher sein, dass alles zueinander passt. Bei einem Verhältnis von mehr als (aufgerundet) drei positiven zu einer negativen Emotion blüht der Mensch auf, bei kleineren Werten droht ein freudloses Dahinvegetieren?27
ρ = 28, σ = 10, β = 8/3
Zur Visualisierung bediente sich Fredrickson bei einem mathematischen Modell aus der Meterologie. Die Animation zeigt einen sogenannten Lorenz Attraktor, ein »(…) vereinfachtes mathematisches Modell für die atmosphärische Konvektion von Luftströmungen. Das ist komplizierte mathematische Materie und eher ausserhalb psychologischer Kompetenzen. Für bestimmte Parameter und Anfangsbedingungen zeigt es chaotische Lösungen.« Stark verkürzt beschreibt dieses Modell einer Fluiddynamik, dass bei jedem physikalischen System ohne perfekte Kenntnis der Ausgangsbedingungen eine winzige Störung (etwa durch den Flügelschlag eines Schmetterlings, wie romantisch!) die Vorhersage des künftigen Verlaufs immer versagen wird. Von diesem 3:1-Verhältnis des ge-hijackten Lorenz-Attraktors wurde behauptet, es sei ebenjener, der die genauen emotionalen Koordinaten identifiziert, die ‘aufblühende’ von ‘verkümmernden’ Menschen unterscheide. Die Prüfung haben andere kompetent erledigt. Atmosphärische Konvektion hat tatsächlich mit einer ‘critical positivity ratio’ rein gar nichts zu tun. Die ‘bahnbrechende’ Erkenntnis beruht auf Arbeiten von Losada (1999)28 und Losada und Heaphy (2004)29, in denen die Lorenz-Differentiale aus der Fluiddynamik ‘angewandt’ wurden, um die Veränderungen der menschlichen Emotionen über die Zeit zu beschreiben.
So einfach geht Glück: 3:1
In dichter Folge wurde dieses dann aufgerundete 3:1-Verhältnis im Range eines positiv-psychologischen Naturgesetzes betrachtet und breitflächig medial verbreitet: hat man dreimal mehr positive als negative Emotionen, dann läuft das Leben! Ein Schmetterling ist für die Kommerzialisierung noch um einiges besser als süße Katzenbilder: erst die mediale Multiplikation hält gute-Nachrichten-Maschinen am Laufen. Stutzig macht die Verkürzung eines komplexen Zusammenhanges auf eine einzige Zahl, eine Zahl mit erstaunlicher Präzision. Alles, was Leben ausmacht, Liebe, Glück, Gelingen, Enttäuschungen, Scheitern, Sorgen, Zufall, Umwelt, Kultur, Gene … all das schnurrt zusammen auf die Zahl 2,9013, aufgerundet 3. Ein Lorenz-Graph wie der oben gezeigte wurde mitsamt der Glücksthese irgendwann in den 2010er Jahren in einem Postgraduiertenkurs für angewandte Positive Psychologie in London gezeigt. Blöd nur, dass Nick Brown dabei war seinen Master zu machen. Brown stand anders als seine Kommilitonen nicht am Beginn einer Berufslaufbahn sondern am Ende: er war frühpensioniert und unabhängig, hatte nichts zu verlieren. Nick Brown sezierte das positiv-psychologische Tanzkärtchen, rechnete nach und kam zum Ergebnis, nun … zu keinem Ergebnis. Ein Hoax. Der ganze Schmetterlingsdings ist an den Haaren herbeigezogen, erfunden.
the existence of a critical minimum positivity ratio of 2.9013 is entirely unfounded — Nick Brown, 201630
Das Papier von Fredrickson und Losada26 und die vermeintlich universelle positivity ratio wurde da schon seit 11 Jahren intensiv zitiert, kommerziell vermarktet. ‘Ausgeschlachtet’ könnte man sagen. An Schmetterlingen ist nur nicht so arg viel dran.
In Selbsthilfebüchern, -kursen, positivem Coaching und Vorträgen steckt jedoch eine Menge Geld, das nach neuen Zielen sucht:
Both Seligman and Fredrickson are hired speakers. One website lists Seligman’s booking fee at between $30,000 and $50,000 an engagement. In this new science of happiness, it seemed that all the leading proponents were happy. — Anthony 2014 27
Ordentliche Tarife für gute Arbeit sind unverdächtig. Medienstars, gut verdrahtete Prominente und Politiker spielen in derselben Liga. Bei jenen fragt auch kaum jemand nach der Substanz weil es nicht darum geht, was gesagt wird, sondern wer spricht — bei Wissenschaftlern ist das eher selten. Insbesondere, wenn die Aussagen substanzlos sind. Es ist nicht so, dass die Ungereimtheiten niemandem zuvor aufgefallen wäre. Es wollte nur niemand hören und dann womöglich zurückrudern. Die Datengrundlage für Fredricksons 3:1-Schmetterling war etwa die qualitative Analyse einer Reihe von einstündigen Sitzungen in einer Laborumgebung mit genau acht Personen. Die führten Gespräche berichteten von ihren subjektiven Erfahrungen. Auch mit positiv-wohlwollendem Blick ist das kein belastbares Datenfundament für einen ‘Durchbruch’.24
Dass die Mathematik hinter dem Schmetterlingsmodell nicht stimmt, akzeptierte Barbara Fredrikson. Verstanden habe sie das ohnehin nicht. Ihre Theorie der ‘critical positivity ratio’ hält sie weiterhin aufrecht, die empirischen Belege seien noch viel stärker als ehedem.25·27 Das führt zu einer kuriosen Situation. Eine fundamentale, nicht verhandelbare Eigenschaft wissenschaftlichen Arbeitens ist die Selbstkorrektur bei Irrtümern. Bei der ‘critical positivity ratio’ handelt es sich offenkundig um einen Irrweg. Selbstkorrektur geschieht nicht — im Gegenteil wird das empirisch nicht Bewiesene als Glaubenssatz weiter propagiert.27
… but social psychology is full of theorising and much of it goes unquestioned. — Nick Brown
Kann es denn sein, dass die berühmteren Vertreter der Positiven Psychologie gar nicht wissenschaftlich arbeiten …?
Science is when you change your mind. Religion is when you won’t. — Rob England 🦓 (@rob_england, 20.12.21) twitter
We all follow what we believe. We run external information through our belief system. Sometimes that information changes our belief system. Other times it reinforces our belief system. — Eb (@eikonne, 18.12.21) Twitter
Die Programme der Positiven Psychologie sind untauglich.
Im ‘Strath Haven Positive Psychology Curriculum’, ein ‘Positive Education Program to Promote Wellbeing in Schools’, das ursprünglich für eine High School in einem Vorort von Philadelphia pilotiert wurde, war das Ziel …
“to help students identify their signature character strengths and”
“to increase students’ use of these strengths in day-to-day life”
Martin Seligman behauptete, dass das Programm “Charakterstärken, Beziehungen und Sinnhaftigkeit aufbaut, positive Emotionen erhöht und negative Emotionen reduziert”.31 Der Pilot des SHPPC kostete fast 3 Millionen Dollar, die in einer kontrolliert randomisierten Studie validiert werden sollte. Die Ergebnisse wurden 2009 im ‘Oxford Review of Education’ publiziert32, allerdings fehlten prüfbare Daten, wie sie mit der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen international üblich sind. Auch die publizierte Auswertung des Department of Education (DoE 2010) kommt zu dem lapidaren Ergebnis “students’ outcomes were not affected”. Brachte also keine erwünschte Verhaltensänderung.
Das ‘Penn Resilience Program’ (PRP) ist ein weiteres prominentes Programm der Positiven Psychologie. Es soll Kindern und Jugendlichen helfen, grundlegende kognitive Verhaltensprinzipien besser zu verstehen, einschließlich der potenziellen Gefahren negativer Selbstgespräche (“Ich habe den Test nicht bestanden; ich bin wirklich nichts wert”) und katastrophaler Gedanken (“Meine Mutter sollte eigentlich schon zu Hause sein; sie muss in einen schrecklichen Unfall verwickelt gewesen sein”). Ziel des PRP ist es, gesunden jungen Menschen kognitive Gewohnheiten und Fähigkeiten zu vermitteln, die langfristig Depressionen und Angstzuständen vorbeugen. PRP wird in Gruppen von sechs bis 15 Schülern im Laufe von etwa 20 Stunden durchgeführt. Das PRP hat auch Varianten, die sich an Gruppen von Kindern und Jugendlichen richten, die bereits Warnzeichen für psychische Erkrankungen zeigen, also nicht mehr als ‘normal’ oder unauffällig gelten können. Die Effektivität des PRP wurde danach peer-reviewed und fand keine Wirksamkeit.33 Ein weiterer Review fasst hart und herzlich zusammen: “No evidence of PRP in reducing depression or anxiety and improving explanatory style was found (…) The large scale roll-out of PRP cannot be recommended.”34 Das PRP wurde und wird weiterhin und weltweit von tausenden Schulen gekauft und eingesetzt35. Warum, wenn es keine nachweisbare Wirkung gibt?
Im Jahresbericht 2018 des von Martin Seligman gegründeten Positive Psychology Center (PPC) an der University of Pennsylvania steht etwa, dass ein Zweijahresvertrag des US-Justizministeriums gewonnen wurde um das PRP für ‘law-enforcement personnel’ zu adaptieren. Polizisten, Sicherheitskräfte. Auch werden Verträge aufgeführt um Gleiches u.a. für die medizinischen Fakultäten der Universitäten Yale und Penn anzubieten. Der grösste Kunde Seligmans Positive Psychology Center ist das US-Militär: 15% der Veteranen im aktiven Kriegseinsatz zeigen PTSD-Symptome. Das US-Militär hat damit ein offenes Problem.35 2010 gewann das PPC ohne Ausschreibung einen 31-Millionen-Dollar Vertrag für eine adaptierte Version des PRP, um dem PTSD-Syndrom (post traumatic stress disorder) und der häufig einhergehende Selbstmordgefahr von Soldat·innen zu begegnen. Doch auch für die Behandlung posttraumatischer Stressstörungen fällt der PRP als Instrument aus — weil er nie für diese Zwecke konstruiert wurde sondern zur kognitiven Stärkung von Schülern und Jugendlichen — und obwohl er ebenda keinerlei nachweisbaren Nutzen bringt.
“Much of PTSD consists of symptoms whose prevention is not addressed by the PRP, or indeed anything else that comes under the umbrella of positive psychology.”30
”It’s difficult for someone untrained in a given area to evaluate claims within that area, even if they are otherwise quite competent.”10
Die kommerziell vermarkteten Instrumente der Positiven Psychologie scheinen untauglich, die zu Grunde liegenden Daten brüchig, die Evidenzen gering bis ausbleibend. Es ist der Anschein wissenschaftlicher Fundierung, unter deren Mantel der versprochene Nutzen gerne geglaubt wird. In den wissenschaftlichen Grundlagen schwächelt also die positive Psychologie.
sind extrapoliert aus korrelativen statt experimentellen Daten
basieren auf kurzfristigen statt längsschnittlichen Untersuchungen
werden vermarktet weit jenseits der wissenschaftlich vertretbaren Stichhaltigkeit
Martin Seligman und Mihály Csíkszentmihályi argumentierten 2001 und zu Beginn der aufstrebenden Positiven Psychologie noch herzhafter:
“We are, unblushingly, scientists first. The work we seek to support and encourage must be nothing less than replicable, cumulative, and objective“ (…) If empirical research fails to confirm the usefulness of the positions we advance, we hope to have the resilience to admit defeat and bow out with good grace .”13
“Wenn du verloren hast, dann gib es zu und gehe erhobenen Hauptes” steht da. Es wäre dann vielleicht so weit?
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Diese große Metastudie zur Wirkung von Antidepressiva lief über sechs Jahre und verglich bis dahin unveröffentlichte Daten aus 522 Studien mit über 116.000 Teilnehmern zu einundzwanzig verschiedenen Medikamenten: Cipriani, A., Furukawa, T. A., Salanti, G., Chaimani, A., Atkinson, L. Z., Ogawa, Y., Leucht, S., Ruhe, H. G., Turner, E. H., Higgins, J. P. T., Egger, M., Takeshima, N., Hayasaka, Y., Imai, H., Shinohara, K., Tajika, A., Ioannidis, J. P. A., & Geddes, J. R. (2018). Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder: A systematic review and network meta-analysis. The Lancet, 391(10128), 1357–1366. DOI↩︎
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