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  • Teambildung? Tuckman liegt falsch

    Die einleuchtend einfache Tuckman-Kurve wird gerne als Schaubild dafür verwendet, dass Teams nicht vom Himmel fallen und das Sich-Formieren einer Gruppe als gemeinsam arbeitendes Team Zeit braucht. Empirisch nicht zu belegen ist die Abfolge, in der diese Phasen nach Tuckman geschehen. Sie geschehen eben nicht linear in der scheinbar schlüssigen Reihenfolge sondern irgendwann und irgendwie und nicht nach einer naturgegebenen Regelhaftigkeit. Was steckt drin? Bruce Tuckman beobachtete in seinem Kontext der Gesundheitsvorsorge und Psychotherapie, dass Teaming scheinbar immer in der gleichen Abfolge von vier Zuständen forming, storming, norming zum unternehmerisch erwünschten performing geschieht, in dem ein Team dann endlich stetig Ergebnisse liefert. Doch auch wenn falsch ist, nützlich ist es allemal: es stecken Hinweise darin, dass eine Gruppe nicht automatisch durch ihre Konfiguration zu einem funktionierenden Team wird. Vielmehr muss soziale Arbeit geschehen, Reibung, Normierung und Selbstorganisation. Das braucht gemeinsame Zeit und Anlass für Reibungsflächen. Dafür wiederum ist das Tuckman-Modell auch bei fehlender Evidenz gut und nützlich: als Einwandvorwegnahme und Schaumbremse für allzu nassforsche Managementmethoden.

    All models are wrong bit some are useful. — George Box

    Auf der Vertikalen steckt vermutlich schon der Geburtsfehler des Tuckman-Modelles.

    Die Annahme ist, dass aus einem (Grund-)Konflikt heraus und dessen Bearbeitung ein Zusammenhalt und daraus Vertrauen in einander entstünde. Wenn es aber keinen Konflikt gibt, dann auch kein Vertrauen …? Auf der zeitlichen Dimension setzt eine ähnliche Vermutung die Sequenz der Stadien: eine Gruppe (noch kein Team) müsse sich zuerst hin zu gemeinsam akzeptierten, zu bearbeitenden Aufgaben orientieren bevor diese ebenso kollaborativ organisiert und dann gelöst werden. Woher diese Annahme kommt, bleibt auch in den originalen Arbeiten Tuckmans offen. Die Formierung von Teams aus losen Gruppen geschähe nach Tuckman dann über vier Phasen. Eine fünfte ganz rechts zur Auflösung der (Arbeits-)Gruppe wurde später ergänzt (Tuckman und Jensen, 1977).

    Tuckman formuliert also als Modell eine sequentielle, hierarchische Folge von vier Stadien. Ein performantes oder effizient funktionierendes Team müsse zwingend vom Forming zum Storming und gelangt erst nach erfolgreich durchlaufenem Norming in den erstrebten Zustand eines performing Teams. Abkürzungen sind nicht vorgesehen. Ändert sich die Zusammensetzung eines Teams, dann würden alle Stadien von Anfang erneut durchlaufen.

    Bruce Tuckman publizierte sein Modell 1965 als Metaanalyse fünfzig anderer Untersuchungen und er gab Warnhinweise mit: es sei kein allgemeingültiges, repräsentatives Modell und allenfalls für Therapie-/Trainings- und Laborgruppen beobachtbar. Von organischen Projektgruppen, wie sie sich in Unternehmen formieren oder zusammengestellt werden, war nie die Rede. In der Revision des Modelles 1977 kamen weitere 20 Untersuchungen hinzu eine Verallgemeinerung fehlte. Auch viele weitere Studien (Agazarian & Gantt, 2003; Connors & Caple, 2005; Miller, 2003; Tubbs, 2004) konnten die Linearität der Stadien nicht replizieren. Gersick (1988; 1989; 1991) fand keinerlei zeitliche Komponenten in der Abfolge der Tuckman-Stadien. Knight (2007, S87) etwa konnte bei 321 beobachteten Teams weder die lineare Abfolge der Stadien noch andere Ähnlichkeiten mit dem Tuckman-Modell beobachten.

    Es ist komplizierter: aus Gruppen werden nicht immer Teams, einen Masterplan um Teambuilding zu beschleunigen oder zu ermöglichen gibt es nicht. Wenn es keinen Regelhaftigkeit gibt, keinen Masterplan — dann auch kein 08/15-Programm und nichts, woran man sich festhalten oder orientieren könnte.

    Sozialhydraulik ist ballistisch. (Das ist ja das Schöne.)

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    Agazarian, Y., & Gantt, S. (2003). Phases of group development: Systems-centered hypotheses and their implications for research and practice. Group Dynamics: Theory, Research, and Practice, 7(3), 238–252. DOI

    Box, G. E. P. (1976). Science and Statistics. Journal of the American Statistical Association, 71(356), 791–799. DOI

    Box, G. E. P., & Draper, N. R. (1987). Empirical model-building and response surfaces. Wiley.

    Connors, J. V., & Caple, R. B. (2005). A Review of Group Systems Theory. The Journal for Specialists in Group Work, 30(2), 93–110. DOI

    Gersick, C. J. G. (1988). Time and Transition in Work Teams: Toward a New Model of Group Development. Academy of Management Journal, 31(1), 9–41. DOI

    Gersick, C. J. G. (1989). Marketing Time: Predictable Transistions in task groups. Academy of Management Journal, 32(2), 274–309. DOI

    Gersick, C. J. G. (1991). Revolutionary Change Theories: A Multilevel Exploration of the Punctuated Equilibrium Paradigm. The Academy of Management Review, 16(1), 10. DOI

    Hurt, A. C., & Trombley, S. M. (2007). The Punctuated-Tuckman: Towards a New Group Development Model. 7. PDF

    Knight, P. (2007). Acquisition Community Team Dynamics: The Tuckman Model vs. the DAU Model. 55. PDF

    Miller, D. L. (2009). The Stages of Group Development: A Retrospective Study of Dynamic Team Processes. Canadian Journal of Administrative Sciences / Revue Canadienne Des Sciences de l’Administration, 20(2), 121–134. DOI

    Norton, D. (2017, May 5). Tuckman Was Wrong! OnBelay. URL

    Tubbs, S. L. (2012). A systems approach to small group interaction (11th ed). McGraw-Hill Humanities/Social Sciences/Languages.

    Tuckman, B. W. (1965). Developmental sequence in small groups. Psychological Bulletin, 63(6), 384.

    Tuckman, B. W., & Jensen, M. A. C. (1977). Stages of Small-Group Development Revisited. Group & Organization Studies, 2(4), 419–427. DOI