digitalien.org — Stefan Knecht

Gute Führung ist wie Gruppentherapie

Kann es sein, dass gute Führung ganz ähnlich funktioniert wie wirksame Therapie?

Es gibt einige Indizien, die das so abwegig nicht erscheinen lassen.

Ich lese ein Lehrbuch über Gruppenarbeit und hege die Hoffnung, die erprobten Methoden könnten bei Veränderungen in Unternehmen hilfreich sein.

Die Sozialhydraulik in Gruppen sollte ähnlich der in Unternehmen sein, Hierarchien gibt es hier wie dort. Einen Unterschied mag es geben: narzisstische Persönlichkeitsstörungen sind in Unternehmen häufiger.

Das Buch heisst Theory & Practice of Group Counseling von Gerald Corey, ist aus 2016 und in Australien verlegt. Damit ist es hinreichend aktuell und keine akademische Orchidee oder esoterische Einzelmeinung: ausserhalb Deutschlands ist soziale Arbeit in Gruppen wissenschaftlich begleitet und man kann eine Menge lernen davon.

Dieses Lehrbuch zitiert eine Metastudie, die Persönlichkeitscharakteristika und Fähigkeiten der ’10 besten’ Psychotherapeuten beschreibt, siehe unten Skovholt (2016).

Was können herausragende Therapeuten?

Diese Besten sind allesamt Therapeuten aus Australien und den USA, was für den Moment unerheblich ist weil auch der Unterschied zwischen Kulturen kaum wesentlich ist.

Sie wurden durch peer selection benannt: in diesem Fall wohl so, dass die Gilde innerhalb ihrer Expertengruppe die Gruppenbesten selbstselektiert — gehen wir davon aus, dass sie es sind: gute, wohlmeinende und ihren Klienten nutzvolle Therapeuten, deren Interaktionen und Interventionen wiederholt anhaltende Verhaltensänderung bewirken.

Übertragen auf den Kontext in Unternehmen: change agents werden engagiert um Veränderung zu einem anderen Zustand zu bewirken, die anhalten soll, auch wenn der Berater längst verschwunden ist. Bis hierhin greift die Parallelität.

Von den Besten lernen — Was sind die Eigenschaften, Persönlichkeitscharakteristika und Fähigkeiten herausragender Therapeuten?

  • Der unbedingte Wille zur Meisterschaft — wissend, sie nie erreichen zu können.
  • Die Fähigkeit tief in die Welten Anderer einzutauchen ohne sich selbst zu verlieren
  • Die Fähigkeit, eine sichere emotionale Situation herzustellen und Klienten dennoch zu fordern. → Das ist verdächtig ähnlich zur ‘Psychological Safety’, dem angstfreien Miteinander, das u.a. Amy Edmondson popularisieren half.
  • Die eigenen therapeutischen Kräfte nutzen und dennoch bescheiden bleiben und Grenzen zu wahren.
  • Die Fähigkeit, aus dem eigenen Selbst zu geben und gleichzeitig für sich selbst zu sorgen.
  • Die Fähigkeit, selbst Feedback zu nehmen ohne destabilisiert zu werden.

 

Im Verlauf der Studie wurden Kurzbeschreibungen abgefragt:

lebendig, kongruent, hingegeben, zielgerichtet, intensiv, offen, neugierig, tolerant, vital, reflektiv, sich selbst erkennend, grosszügig, erwachsen, optimistisch, analytisch, lustig, scharfsichtig (…) (pp 133–134)

Diese Attribute stehen jedem Menschen gut. Beschrieben sie einen Unternehmenslenker — wer möchte nicht gerne mit oder unter einer solchen Persönlichkeit Großes bewegen?

Jetzt kommt die Parallelität guter Familientherapeuten zu wirksamen Veränderungsbegleitern, Change Agents, Agile Coaches … wie auch immer sich diejenigen nennen, die Unternehmen behilflich sind, Veränderungen auch in die Realität umzusetzen:

Gute Führungfiguren sind wie gute Therapeuten

Per se ‘sind wir alle gleich’, in welchen Rollen auch immer: im Entwicklungsteam, als Scrum Master/Mistress, Produktverantwortlicher oder Trainer oder Coach. Hierarchien abflachen, miteinander und auf Augenhöhe arbeiten.

Realistisch lässt die Sozialdynamik in allen sich formierenden Gruppen automatisch eine Rangfolge entstehen. Wer ‘mehr zu sagen’ hat oder schlicht mehr sagt als andere, wer im dayjob den höheren Rang, mehr Macht und Einfluss hat, wird immer über der ‘externen Softwareentwicklerin’ stehen.

Diese immanenten sozialen Hierarchien erfassen wir unterbewusst und in Windeseile. Wir nehmen Verschiebungen gänzlich ohne kognitive Beteiligung und umgehend wahr. Diese Fähigkeit ist tief und hart in unserem humanen EPROM verdrahtet. Wir sind in der Lage ein kohärentes Verstehen einer Hierarchie aus den Interaktionen zwischen Personen schliessen und ergänzen unbewusst und richtig die fehlenden Informationen. Das geschieht mit Bayesscher Inferenz, also probabilistisch.

Der Vergleich scheint mit allen Parallelen damit tragfähig: agile Change Agents können aus Erfahrungen und Methoden der Gruppentherapie vieles lernen.

Vielleicht nicht alles 1:1 übernehmen … doch die Methoden sind schon alle da und seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auch ordentlich lang und breit beschrieben.