
»Manches Problem der computerisierten Gesellschaft läßt sich damit erklären, daß die Rechenknechte wenig von dem verstehen, was sich außerhalb ihrer metallenen Hülle abspielt. Seit zehn Jahren werken US-Forscher am letzten Riesenprojekt maschineller Intelligenz.«
Thomas J. Schult. Enzyklopädie der Banalitäten. Die Zeit Nr. 48 vom 25.11.1994 Seite 84 / DIE ZEIT; Digital
(…) »Seit zehn Jahren arbeiten Informatiker der Microelectronics and Computer Technology Corporation in Austin, Texas, an einem Programm, das den Namen „Cyc“ trägt (gesprochen: „ßaik“) und nichts weiter ist als eine mächtige Enzyklopädie der Selbstverständlichkeiten. Alltagswissen einer Kultur wurde vorher noch nie systematisch gesammelt. All dies: daß Lebewesen Krankheiten bekommen können, daß ein Bier im Kino teurer als im Getränkemarkt ist, daß Menschen während eines einzigen, zusammenhängenden, begrenzten Zeitintervalls leben. Schon wegen der schieren Menge solcher Informationen ist Cyc eines der ambitioniertesten Projekte der KI-Forschung. Doch die zwei Dutzend „Cyclists“, die Cyc-Mitarbeiter, sind keineswegs die Stars der Szene. Im Gegenteil. Sie sind praktisch nie auf Konferenzen anzutreffen, publizieren kaum in Fachorganen, und man wird wenige KI-Forscher finden, die nicht zart die Nase rümpfen über Cyc: Es ist ihnen zu pragmatisch; sie selbst nähern sich dem hohen Ziel lieber philosophisch, auf der Suche nach möglichst elementaren Prinzipien des Denkens und Handelns.«
(…) »Selbst der kalifornische Philosoph Hubert Dreyfus, alter Kämpfer gegen die Verheißungen der KI-Forscher, kann einen gewissen Respekt nicht verhehlen: „Wenn das Cyc-Projekt Geschichten der Art verstehen könnte, die ein Vierjähriger versteht, wäre ich sehr beeindruckt. Dann hätte es bewiesen, daß man eine Menge Intelligenz programmieren kann. Aber wenn Cyc scheitert, ist die KI wirklich am Ende – das ist das letzte Projekt, das noch irgendeine Hoffnung bietet.“ Kein Forscher sollte also auf Cyc herabblicken. Wenn es den Erwartungen nicht gerecht würde, dann hätte immerhin einmal ein Team versucht, Konzepte der klassischen KI-Forschung konsequent auf die Realität anzuwenden.«
