digitalien.org — Stefan Knecht

Disruption? Erledigt. Oh, wait.

Auf einer Konferenz für Startups irgendwann 2016 zeigte IBM Liason Manager Sandy Carter ein slide, das tausendfach gemopst und recycled wurde:

Sandy Carter (@sandy_carter): The Digital Disruption has already happened

World's largest taxi company owns no taxis (Uber)
Largest accomodation provider owns no real estate (AirbnB)
Largest phone companies own no telco infrastructure (Skype, WeChat)
World's most valuable retailer has no inventory (Alibaba)
Most popular media owner creates no content (Facebook)
Fastest growing banks have no actual money (Society One)
World's largest movie house owns no cinemas (Netflix)
Largest software vendors don't write apps (Apple, Google)

Sandy Carter, ca. 2016

Nun kann man anführen dass es ‘Liason-Manager’ gibt um aus Kunden größere zu machen. Das geschieht verlässlich über Unsicherheit: mehr kaufen und weniger Angst zu haben vor der Unsicherheit.

Es ist auch völlig egal, ob auf diesem slide die Wahrheit getreulich abgebildet ist: die Metapher wirkt. Die category leader aus diesem reisserischen slide besitzen nichts von dem, wofür sie stehen. 

Die am schnellsten wachsenden Banken haben kein Geld, der grösste Filmanbieter besitzt keine Kinos.

Disruption ist, wenn geschieht, womit niemand rechnete

Disruption ist, wenn etwas geschieht, mit dem niemand ernsthaft rechnete.

Oder wenn man hofft, dass es schon vorüber gehen wird. Wenn Gewohntes unerwartet so auf den Kopf gestellt werden, dass nichts bleibt, wie es angenehm war: verlässlich, zukunftssicher, peace of mind.

Enzyklopädien, Lexika, Kartografie — dahin

Disruption geschah, als Wikipedia und ‘das Netz’ gedruckten Enzyklopädien das Licht ausbliesen. Das Kindler Literaturlexikon, der Brockhaus, der Duden — alle weggefegt in einem Wimpernschlag.

Kartografie als gedruckte Karten? Dahin. Open Streetmap und Google Maps übernahmen.

Disruption: Videotheken

Ein hübsches Beispiel ist der Niedergang der Videotheken. Wer jünger ist als …  fünfundzwanzig kennt den ungebührlichen Akt nicht mehr, sich einen Film zu leihen.

In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es, wenigstens aufwärts von Kleinstädten, in jedem Viertel mindestens einen Videoverleiher.

Zu Hause hatten die Menschen einen VHS-Videorekorder und ein SCART-Kabel breit wie ein Schweizermesser zu ihrem Röhren-Fernseher schwer wie ein Dieselaggregat. Mobiltelefone waren noch ein Statussymbol. 

Wollten Sie am Wochenende Film kucken, dann musste einer zur Videothek und aus thematisch sortierten Regalen eine sozialverträgliche Auswahl treffen. 

Dann die speckige Hülle aus dem Regal ziehen und an der Kasse warten, bis die Teilzeitkraft die Kassette aus dem Lager geholt hatte. »Kundenkarte?« — (kram) »… nicht dabei«. Die Rückgabe hatte binnen 24 Stunden zu geschehen, sonst schmälerten empfindliche Verlängerungsgebühren das Medienbudget.

Videothek, Innenraum

Blockbuster, einer der grössten auch internationalen Betreiber, machte 2009 noch einen Jahresumsatz von 4,1 Mrd Dollar und ging im Herbst 2010 in die Insolvenz [2]. Von 4,1 Mrd Umsatz in 52 Wochen in die Pleite? [3]  

Wie kann das sein? Hat niemand die nahenden Einschläge hören wollen? Hat die Disruption sich nicht ordentlich angemeldet, Netflix zu wenig Werbung gemacht?

Die Washington Post hat eine interaktive Grafik dazu. [4] Man kann dort sein Geburtsdatum einstellen und sieht die Verläufe zum eigenen Alter.

Washington Post: How did People Watch Videos? (Screenshot)

Eine zweite Grafik ebenda zeigt, welche Art Internetverbindung US-Amerikaner über die Jahre hatten:

Washington Post: Art und Bandbreite der Internetverbindung für US-Amerikaner

Bandbreite killed the Videostar

Das ist das Dumme an der heimtückischen Disruption: sie kommt ohne Laut zu geben und … schwuppdiwupp … ist die Komfortzone weggeschrumpft.

Es gibt nichts Singuläres an Disruptionen, nichts, was an ein Jahrzehnt gebunden wäre. Es geschieht ständig. Die Frage nur: was noch ändert sich so brutal, dass es unsere Lebenswirklichkeit wahrnehmbar dreht?

Heiße Kandidaten

Ein paar heisse Kandidaten:

Filialbanken. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen lebendigen Bankangestellten gesehen habe. Weshalb auch? Mein Browser braucht keine Terminvereinbarung.

SIM-Karten.
Autos.
Bargeld. 

Apotheken.

Kinos.

Vielleicht.

Ich weiss es doch auch nicht.

Dass Sandy Carter ab April 2017 dann von IBM zu Amazon Web Services wechselte: geschenkt. 

Eine Petitesse.

[2] Schamberg, Jörg. US-Videotheken-Kette Blockbuster ist pleite. https://www.onlinekosten.de/news/us-videotheken-kette-blockbuster-ist-pleite_179854.html. Zugegriffen 25. Dezember 2017.

[3] Wobei das nicht ganz korrekt ist: in Alaska gab es im Frühjahr 2017 noch 10 Filialen. Wegen exorbitant teurer DSL-Leitungen — Schmidt, S. (2017, April 26). Blockbuster has survived in the most curious of places — Alaska – The Washington Post. Abgerufen 2. Januar 2018, von https://www.washingtonpost.com/news/morning-mix/wp/2017/04/26/blockbuster-has-survived-in-the-most-surprising-of-places-alaska/

[4] Fischer-Baum, R. (2017, November 26). What ‘tech world’ did you grow up in? Abgerufen 2. Januar 2018, von https://www.washingtonpost.com/graphics/2017/entertainment/tech-generations/