digitalien.org — Stefan Knecht

Das 'agile mindset'? Kann weg. Und das 'growth/fixed mindset' gleich mit.

Eine ‘agile Haltung’ sei notwendig, ein mindset um wirklich geschmeidig-agil arbeiten zu können? Das ist Unfug und ein Zirkelschluß.
Es mag einen Echokammer-Effekt geben, in dem immer weiter wiederholt und voneinander kopiert wird, solange, bis niemand wer weiß, woher die Falschmeldung stammt.
 
Braucht es agile Haltung um agil arbeiten zu können? Ein künstliches Henne-Ei Problem.

Warum nur, warum ...?

Im Agilen Manifest von 2001 steht kein Wort von ‘Haltung’ oder mindset.

Steve Denning macht eine Grafik von Ahmed Sidky von 2015 als die erste Begriffsnennung aus. Hier ist sie nachgebildet:

das 'agile mindset' nachempfunden der originalen Darstellung von Ahmed Sidky, Riot Games und ICAgile

Die Bildunterschrift von Sidkys Darstellung hat einen fatalen letzten Satz:

Caption unterhalb der ersten Darstellung des agile mindset
»Implementing the practices, tools and proceses without the Agile mindset, values and principles of the Agile Manifesto is not Agile.«

Merken Sie’s?

Es wird ein bis dahin nicht vorhandenes Konstrukt mindset eingeführt, mit dem Agilen Manifest verknüpft (in dem von Haltung nichts steht) und gleich eine kategorische Setzung vollbracht: ohne Haltung kein Agildings.

Das ist Blödsinn.
Steve Denning
Steve Denning

Das 'growth/fixed mindset' ist auch Toast

2006 hatte die Psychologieprofessorin Carol Dweck eine Theorie in einen populärwissenschaftlichen Bestseller verpackt. Es gäbe zwei Haltungsformen growth/fixed, also den Glauben daran, die eigenen Fähigkeiten seien durch Lernen zu erweitern gegen die Haltung ‘so-bin-ich-halt’. Also eine Art implizite Theorie der Intelligenz.

Irgendein waberndes Bedürfnis traf das: Ein TED-Talk dazu hat (Ende 2020) 12 Millionen views.

Ein ‘agile mindset’ selbst in der recht luftigen nicht-Definition wie oben hat rein gar nichts zu tun mit der Theorie von Carol Dweck, die sich aus deren pädagogischen Forschungen zu Lernstilen ergab. Noch dazu, weil die Theorie sozialwissenschaftlich nicht belegt werden konnte.

Carol Dweck
Carol Dweck

Keine Evidenz. Im Gegenteil.

Diese sogenannte “Growth Mindset”-Theorie – die davon ausgeht, dass intellektuelle Fähigkeiten nicht fixiert sind, sondern stark verändert werden können – hat wenig oder sogar einen negativen Effekt auf die Leistung.

Mehr als 600 Kinder wurden getestet, im pädagogischen Setting, für das Dweck die Theorie konstruierte. Festgestellt wurde keinerlei Einfluss auf die Bewältigung schwieriger Herausforderungen, ganz gleich, ob die Kinder glaubten, dass grundlegende intellektuelle Fähigkeiten verändert werden können oder nicht. In zwei weiteren Replikationen mit Universitätsstudenten kam auch nichts heraus.

In Unternehmenskontexten geschah noch nicht einmal der Versuch einer Replikation — weshalb auch, dafür ist die Theorie auch nicht gemacht.

Growth/Fixed mindset hat also mit agiler Haltung nichts zu tun.

»We didn't see the remarkable results promised in earlier studies and would caution against using this approach in class. Beliefs about basic ability appear unrelated to resilience or progress in school.«

Professor Timothy Bates School of Philosophy, Psychology and Language Sciences, University of Edinburgh

Ohne Haltung geht's auch

Den halbwegs schlüssigen Nachweis, wie agiles Arbeiten nur mit agiler Haltung funktionieren kann wird man so nicht führen können.
 
Und bis das gelingen sollte: lassen wir es einfach raus, OK?
 
Danke.
 
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